"Das Meer in Jalta" von Saul Tschernichowski

Buchcover: "Dein Glanz nahm mir die Worte" von Saul Tschernichowski

Aktuelle Lyrik

"Das Meer in Jalta" von Saul Tschernichowski

Saul Tschernichowski war ein außergewöhnlicher Dichter und Übersetzer, der die hebräische Literatur der Moderne öffnete. Kürzlich erschien sein außergewöhnliches Gesamtwerk in drei Bänden.

Geboren 1875 in Russland kam Saul Tschernichowski früh in seinem Elternhaus mit der Haskala, der "Jüdischen Aufklärung", in Berührung. Die hebräische Dichtung, die bis zur Haskala im Wesentlichen für den liturgischen Gebrauch bestimmt war, erfuhr durch Tschernichowski entscheidende Impulse. Er hob schlicht und einfach ihre strengen formalen und inhaltlichen Kriterien auf, indem er sich der Welt-Literatur zuwandte. Saul Tschernichowski übersetzte Sophokles, Homer, Shakespeare, Molière, Shelley, Goethe, Heine und Puschkin, die ihm eine Welt eröffneten, die fortan seine eigene Dichtung nachhaltig prägte.

Das vorliegende Werk in drei Bänden "Dein Glanz nahm mir die Worte" umfasst Sonette, Gedichte, Idyllen und Autobiographisches, wobei Band 3 einen umfassenden Kommentar zu seinem Werk liefert, der nicht nur für ausgewiesene Germanisten interessant sein dürfte.

Die Gedichte, Sonette und Idyllen erzählen dabei einerseits von einer idealen Welt, die eine wohlgefügte Ordnung innehat, sie sind aber auch dem Realismus verpflichtet, der dem scheinbaren Ideal eine bisweilen entfremdete Wirklichkeit gegenüberstellt. Tschernichowski braucht den Vergleich mit den großen Welt-Dichtern nicht zu fürchten, weder formal noch inhaltlich. Seine opulenten poetischen Werke sind meisterlich gearbeitet, spielen auf mythologische sowie historische Begebenheiten an und geben eine Fülle von Bildern und Metaphern wieder, wie man es auch von Lord Byron oder Petrarca kennt.

"Dein Glanz nahm mir die Worte" ist ein riesiges, umfangreiches Werk – und wer will, kann jetzt mit dieser Ausgabe in den poetischen Kosmos dieses außerordentlichen Dichters eintauchen. Ein Kosmos, den es zu entdecken gilt.

Eine Rezension von Matthias Ehlers

Literaturangaben:
Saul Tschernichowski: Dein Glanz nahm mir die Worte. Drei Bände. Hebräisch / deutsch
Aus dem Hebräischen von Jörg Schulte
Mit einem Vorwort von Aminadav Dykman
Edition Rugerup, 920 Seiten, 99,90 Euro

Stand: 09.04.2020, 12:59