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"Statt uns auf den Sockel zu stellen" aus "das kleingedruckte" von Linda Vilhjalmsdottir

Buchcover: "das kleingedruckte" von Linda Vilhjalmsdottir

Aktuelle Lyrik

"Statt uns auf den Sockel zu stellen" aus "das kleingedruckte" von Linda Vilhjalmsdottir

Aus einem Land, das in seinem Bauministerium eine offizielle Beauftragte für Elfen beschäftigt, können keine schlechten Lyriker*innen kommen. Linda Vilhjálmsdottir aus Island ist eine begnadete Dichterin, die hierzulande noch nicht so bekannt ist, wie es eigentlich sein sollte.

Acht Gedichtbände von Linda Vilhjálmsdóttir gibt es, und drei davon waren bisher auf auch auf Deutsch zu haben. Nämlich "Alle schönen Worte" "Frostschmetterlinge" und "Freiheit". "Freiheit" heißt in der Originalversion "Frelsi", und dafür wurde Linda Vilhjálmsdóttir 2018 in Danzig als "Europäische Dichterin der Freiheit" geehrt. Diesen Titel hatte sie sich verdient. "Frelsi" bzw. „Freiheit“ war eine Beschäftigung mit religiösen und gesellschaftlichen Normen aus der Sicht einer Frau.

Jetzt ist von Linda Vilhjálmsdóttir "das kleingedruckte" frisch eingetroffen, und es lohnt sich wieder mal, "das kleingedruckte" genau zu lesen. Bisher war es äußerst selten, dass der Rezensent schon beim Lesen des ersten Gedichtes im Buch begeistert war, aber hier macht er eine Ausnahme.

So fängt es an – und es liest sich wie eine Verabredung zur Revolution: "Statt / uns auf den sockel zu stellen / rufen wir alle / bergfrauen des landes zusammen / ho!" Und dann kommen sie, die Bergfrauen, die in Island die weibliche Personifizierung des Landes sind und Symbol in der isländischen Dichtung: In "zu engen und zu kurzen Röcken", "dick geschminkt in allzu weit geöffneten Blusen", "die nackten Beine vom Knie an abwärts mit Schuhcreme bemalt", "auf zu hohen Absätzen" und dazu noch sternhagelvoll. Das ist doch mal ein Intro für ein Gedichtbuch.

Linda Vilhjálmsdóttir gestaltet Dichtung mit glasharter Sprache, Ironie und einer Wortwahl, die aus dem wahren Leben kommt, wo Körper, Gesicht und der Schädel noch mit "glühenden Gletschersteinen massiert" werden. Dass sich Linda Vilhjálmsdóttir auch in "das kleingedruckte" unbeirrt in die isländische Rollenverteilung zwischen Mann und Frau schreibend einmischt, versteht sich von selbst, wenn man erstmal die „Bergfrauen“ der Nation zusammenruft, bevor es losgeht.

"das kleingedruckte" ist ein dringend zu empfehlendes Buch, wenn einem die Befindlichkeitslyrik manch eines Dichters oder einer Dichterin – egal woher – auf den Senkel geht, aber man trotzdem noch Gedichte lesen will. Großartig, fantastisch und einzigartig. Es leben die Bergfrauen!

Eine Rezension von Matthias Ehlers

Literaturangaben:
Linda Vilhjálmsdottir: das kleingedruckte. Gedichte
Aus dem Isländischen von Ján Thor Gisloson u. Wolfgang Schiffer
Elif Verlag, 109 Seiten, 20 Euro

Stand: 09.04.2021, 12:55