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"Clarté Notre-Dame" von Philippe Jaccottet

Buchcover:  "Clarté Notre-Dame" von Philippe Jaccottet

Aktuelle Lyrik

"Clarté Notre-Dame" von Philippe Jaccottet

Posthum erschienen, aber noch zu Lebzeiten fertiggestellt: "Clarté Notre-Dame" von Phillip Jaccottet ist das Resümee eines großen europäischen Dichters. Mit Hölderlin durchs Leben – letzte Worte eines Klassikers.

Der 1925 geborene und 2021 verstorbene Schweizer Phillipe Jaccottet hat Lyrik, Prosa, Essays, Übersetzungen und Rezensionen verfasst. Mit der Aufnahme in die höchst prestigeträchtige "Bibliothèque de la Pléiade" wurde er schon zu Lebzeiten zum Klassiker befördert. Eine seltene Ehre, da die weitaus meisten, die in der "Bibliothèque" zu finden sind, erst nach ihrem Tod aufgenommen wurden.

Bei Phillipe Jaccottet haben wir es also mit einem zeitgenössischen und verbrieften Klassiker zu tun. "Clarté Notre-Dame" führt in die Gedankenwelt des Phillipe Jaccottet, der seit seiner Jugend von der Idee beseelt war, Dichter zu werden und früh anfing selber Gedichte zu schreiben.

Interessanterweise wurde er in jenen frühen Jahren mit dem Werk deutscher Dichter bekannt gemacht, mit Georg Trakl, Rainer Maria Rilke, Novalis und Hölderlin. Und das zu einem Zeitpunkt, als alles Deutsche in Frankreich oder im frankophonen Raum keinen guten Klang hatte. Insbesondere Hölderlin begleitete Phillipe Jaccottet ein Leben lang, und auch in "Clarté Notre-Dame" finden wir die Spuren des deutschen Dichters, der häufig und ausführlich von Jaccottet zitiert wird.

"Clarté Notre-Dame" ist eine in Gedichtform und Prosa verfasste Sammlung von Gedanken zum eigenen Leben und zu Gott und der Welt. Betrachtungen der Natur sind zudem Inspiration und Anlass für niedergeschriebene Eindrücke. Zwangsläufig hat dieses Alterswerk auch zu tun mit Tod, Vergänglichkeit und Rückschau. Sätze von stilistischer Eleganz, einem alten Ideal von Schönheit verpflichtet, zeigen Phillip Jaccottet als einen Dichter, der wahrscheinlich besser in der Romantik aufgehoben gewesen wäre als im turbulenten 20. Jahrhundert.

Der Sinn seiner lebenslangen Suche nach Schönheit, nach dem Hölderlin‘schen "Edelmütigen", wird am Ende allerdings von Jaccottet gründlich in Zweifel gezogen, als er den Bericht eines belgischen Journalisten im Fernsehen hört. Der war aus syrischer Haft entlassen und auf dem Weg aus der Zelle ins Freie mit den Schreien der Inhaftierten konfrontiert worden, die gefoltert und nicht freigelassen wurden.

Zugetragen hatte sich das in den unterirdischen Gefängnissen von Palmyra, dem antiken Palmyra, das Phillipe Jaccottet 2004 noch mit "verzaubertem Schritt" erkundet hatte. Das Fazit dieser Geschichte fiel bitter und für ihn niederschmetternd aus: "Wie kann man danach noch an Verzauberungen glauben?"

Phillipe Jacottet hat zeitlebens an "Verzauberungen" geglaubt, was für ihn nichts anderes hieß, als dass sich die Welt verzaubern ließe durch Kunst. Und trotz seiner formulierten Zweifel zeugt "Clarté Notre-Dame" noch einmal von diesem Glauben. Ein schönes Buch.

Eine Rezension von Matthias Ehlers

Literaturangaben:
Phillipe Jaccottet: Clarté Notre-Dame. Gedichte und Prosa.
Aus dem Französischen von Elisabeth Edl und Wolfgang Matz
Wallstein Verlag, Reihe: Edition Petrarca
111 Seiten, 20 Euro

Stand: 12.11.2021, 08:25