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Buchcover: "Auf dem Kopf durch die Nacht. Gedichte" von Adalber Salas Hernández

Aktuelle Lyrik

"Auf dem Kopf durch die Nacht. Gedichte" von Adalber Salas Hernández

Stand: 21.01.2022, 14:38 Uhr

Adalber Salas Hernández schreibt Gedichte, die den fortschreitenden Zerfall seines Heimatlandes zum Thema haben – ein Requiem für Venezuela.

Venezuela gilt als ein gescheiterter Staat, der seine Grundfunktionen nicht mehr wahrnimmt, ein sogenannter "Failed State". Die zunehmende Gewalt auf den Straßen und eine vollständig gescheiterte Wirtschaftspolitik haben aus dem potenziell reichen Venezuela das Armenhaus Südamerikas gemacht; mittlerweile haben mehr als sechs Millionen Venezolaner ihr Land verlassen.

Einer von ihnen ist der 1987 in Caracas geborene Schriftsteller Adalber Salas Hernández. Adalber Salas Hernández ist ein ausgewiesener Lyriker, der an der Fakultät für Portugiesisch und Spanisch der New York University promoviert wurde und mittlerweile in Teneriffa lebt.

Neun Lyrikbände hat er bisher verfasst, und jetzt ist eine Sammlung seiner Gedichte auf Deutsch erschienen, die den jungen Venezolaner auch in Deutschland bekannt machen dürfte. "Auf dem Kopf durch die Nacht" ist die Beschreibung eines wahr gewordenen Albtraums in Versen. Vom ersten Gedicht ("Caracas, die Sterbenden grüßen dich nicht"), das beginnt mit "Schon haben sie keine Hände mehr, die sie heben können/man hat sie ihnen abgeschnitten/ihnen entrissen …"), bis zum letzten Gedicht "Freies Geleit" ist dieses Buch der Versuch, das Unbeschreibliche in Worte zu fassen.

Adalber Salas Hernández‘ Lyrik erzählt von Demoralisation, Auflösung, Zerfall und Agonie eines Landes, das die höchste Mordrate Lateinamerikas hat und trotz der weltweit größten Erdölreserven seine Einwohner verhungern lässt, die am "Gestank der Mülltonnen ersticken". Vor diesem Hintergrund verblassen selbst die seltenen positiven Bilder, die Adalber Salas Hernández findet, wenn er z. B. über seine Großmutter schreibt: "Ich habe nie rausgekriegt ob sie auch schlief oder aufs Morgenrot wartete, das sanfte Husten der Vögel hörend …"

Wenn es Arthur Rimbauds "Eine Zeit in der Hölle" nicht schon gäbe, Adalber Salas Hernández‘ Buch könnte so heißen mit seinen Gedichten, die in wilden, drastischen Bildern vermitteln, was Existenz bedeutet in einer durch und durch hoffungslosen Situation.

"Auf dem Kopf durch die Nacht" ist eine Flammenschrift, ein Meisterwerk in guter lateinamerikanischer Tradition von Ruben Dario und Pablo Neruda, geschrieben für die, die es angeht.

Eine Rezension von Matthias Ehlers

Literaturangaben:
Adalber Salas Hernández: Auf dem Kopf durch die Nacht. Gedichte
Aus dem venezolanischen Spanisch von Geraldine Gutiérrez-Wienken und Marcus Roloff
Zweisprachig deutsch/spanisch
Parasitenpresse, 2021
124 Seiten, 14 Euro