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"Kondolierende Schmeißfliegen" aus "Abscheu" von Hanshan

Buchcover: "Abscheu" von Hanshan

Aktuelle Lyrik

"Kondolierende Schmeißfliegen" aus "Abscheu" von Hanshan

"Abscheu" heißt eine wunderbare kleine Sammlung von Gedichten aus dem alten China. Wobei man diesen Titel lange suchen muss. Er versteckt sich nämlich unter diversen anderen Angaben auf der Rückseite des Buchs. Warum?

Weil die Vorderseite des Buchs von einem Satz des Übersetzers beansprucht wird, der da lautet: "Um mich von wichtigeren Dingen abzulenken, habe ich den letzten Wochen einige antike politische Gedichte aus dem Chinesischen übersetzt ..." Und dieser Satz geht auf der Innenseite des Einbands weiter: "…Damit soll nicht zuletzt die notwendig gewordene Abschottung ein wenig durchbrochen werden."

Der da aus der Abschottung schreibt, ist der emeritierte Sinologe Thomas O. Höllmann, der – Corona sei’s gedankt – Zeit gefunden hat, sich ein paar alte Chinesen und Chinesinnen und deren Gedichte vorzunehmen. Dass Chinesinnen dabei sind, ist insofern bemerkenswert, da die in "Abscheu" zu findenden Gedichte mindestens so alt sind wie die Chinesische Mauer. Und zu der Zeit waren eigentlich nur Männer der Oberschicht des Lesens und Schreibens kundig, aber – man lernt nie aus – anscheinend auch ein paar Frauen, die tapfer dem Analphabetentum getrotzt hatten, das bis in die Neuzeit rund 90 Prozent des chinesischen Volkes betraf

Es schrieb also die Oberschicht. Und worüber? Am liebsten über sich selbst. Das kommt einem bekannt vor, und nicht nur das; vieles aus "Abscheu" kommt einem irgendwie bekannt vor, als gäbe es einen stillen universellen Code der Wahrnehmung: "So sind sie die jungen Reichen: / Sie können den Hals / einfach nicht voll kriegen", schrieb vermutlich Hanshan im 7. Jahrhundert und läge damit auch heute keineswegs falsch.

Eine feine Sammlung von Gedichten bietet "Abscheu": politische Lyrik, die Krieg, Steuergesetzgebung, Frieden, Armut, Korruption, Willkür, Reichtum und Alter poetisch verhandelt und mit schönen Pointen glänzt, die wir u.a. dem schon erwähnten Hanshan verdanken und seinem schönen Gedicht "Kondolierende Schmeißfliegen".

Hashan wusste nämlich damals schon, dass am Ende – das letzte Hemd hat keine Taschen – doch nur "die Schmeißfliegen kommen, um ihr Beileid zu bekunden". Da dachten bei uns noch die Reichen, sie säßen nach ihrem Tod im Himmel in der ersten Reihe.

"Abscheu" ist ein sehr zu empfehlendes Büchlein mit politischen Gedichten, die einen fröhlich stimmen mit ihrer prägnanten Aussagen, die mal wieder beweisen, dass sich in 3.000 Jahren so viel nun auch wieder nicht geändert hat.

Eine Rezension von Matthias Ehlers

Literaturangaben:
Hanshan: Abscheu. Politische Gedichte aus dem alten China
Chinesisch / Deutsch
Aus dem Chinesischen von Thomas O. Höllmann
Engeler Verlag, 164 Seiten

Stand: 21.05.2021, 16:15