Mariupol – vorher, nachher

Im Südosten der Ukraine liegt Mariupol. Die Kunst- und Kulturszene ist lebendig – bis zum Beginn des Kampfes um die Ukraine. Nach Wochen der Belagerung gelingt Alevtina Shvetsova die Flucht. Die Trauer um ihre geliebte Heimatstadt sitzt tief.

Alevtina Shvetsova in Mariupol

Vorher: Alevtina Shvestsova ist Journalistin, Mutter und Mariupolerin von Herzen. Sie kennt sich mit dem (Szene-)Leben in der 440.000-Einwohner-Hafenstadt im Südosten der Ukraine bestens aus.

Vorher: Alevtina Shvestsova ist Journalistin, Mutter und Mariupolerin von Herzen. Sie kennt sich mit dem (Szene-)Leben in der 440.000-Einwohner-Hafenstadt im Südosten der Ukraine bestens aus.

Vorher: Mariupol hat eine lebendige Street-Art-Szene. Auf diesen Wänden, rund um einen Schulhof mitten im Zentrum der Hafenstadt, haben sich Künstler:innen aus zahlreichen ukrainischen Städten und dem Ausland verewigt.

Vorher: Bilder und Tags wie diese sind in der gesamten Stadt verteilt. Alevtina Shvetsova gefällt das besonders gut – weil man sie gezielt suchen und Mariupol so ganz neu entdecken kann.

Vorher: Der alte Wasserturm steht wie ein Schmuckstück mitten in der Innenstadt von Mariupol. In den vergangenen Jahren ist hier ein beliebtes Kunst- und Kulturzentrum entstanden.

Vorher: Das Kunst- und Kulturzentrum im alten Wasserturm gibt vor allem jungen Künstler:innen die Möglichkeit, sich auszuprobieren und ihre Werke zu präsentieren.

Vorher: Ausblick vom alten Wasserturm auf die Stadt: Bei gutem Wetter kann man auch den Hafen und das Meer sehen.

Nachher: Durch den massiven Beschuss ist die mobile Kommunikation in Mariupol nahezu vollständig zusammengebrochen. Nur an einigen Orten, wie auf der Aussichtsplattform des Wasserturms, gibt es noch gelegentlich Netzempfang.

Vorher: Sieht aus wie ein schnell dahingesprühtes Graffiti, ist aber ein Wegweiser zur nächsten Schutzunterkunft. Seit 2014, dem Beginn des Krieges im Donbas, gibt es diese Beschriftungen in jedem Bezirk. Damals hatten die prorussischen Milizen auch versucht, die strategisch wichtige Hafenstadt einzunehmen, konnten allerdings von ukrainischen Kämpfer:innen zurückgedrängt werden.

Vorher: Anfang Februar 2022 die wenigsten Menschen in Mariupol daran, dass sie sich bald wieder in Schutzräumen in Sicherheit bringen müssten. Anders war es zu dem Zeitpunkt in der ukrainischen Hauptstadt Kiew – dort war die Frage "Wohin flüchtest Du, wenn es losgeht?" bereits ein gängiges Small-Talk-Thema.

Vorher: Die zunehmenden Spannungen mit Russland sahen viele Menschen in Mariupol relativ gelassen. Die Stellungen der prorussischen Milizen sind gerade einmal 30 Minuten Autofahrt entfernt. Das Leben mit dem Krieg ist für sie in den vergangenen acht Jahren zu einer Art Gewohnheit geworden.

Nachher: Ende März 2022 sind laut Behörden bereits 80 Prozent der Gebäude in Mariupol beschädigt oder vollständig zerstört.

Vorher: Street-Art in Mariupol ist auch dort zu finden, wo man sie kaum erwarten würde.

Vorher: Wegen ihrer geografischen Lage zwischen den von prorussischen Separatist:innen besetzten Gebieten und der von Russland annektierten Halbinsel Krim galt die Hafenstadt bereits seit 2014 als besonders gefährdet für Angriffe – und wurde entsprechend aufgerüstet.

Vorher: Der beliebte Besucherstrand liegt direkt an einem Bahnhof – vor 2014 kamen vor allem auch Besucher:innen aus der Großstadt Donezk hierher. Der Krieg im Donbas hat den Tourismus in Mariupol verändert.

Vorher: Für Aletvina Shvetsova und ihren achtjährigen Sohn gehören Patrouillenboote der ukrainischen Armee, die die Küste bewachen, inzwischen zum Alltag. Ein ungutes Gefühl bereitet ihnen das nicht.  

Nachher: Alevtina Shvetsova und ihrer Familie ist nach wochenlangem Ausharren in der belagerten Stadt die Flucht gelungen. Sie berichtet, dass der Beschuss niemals aufgehört habe. Es sei ein Wunder, dass alle am Leben und unversehrt sind.

Nachher: Eigentlich wollte Alevtina Shvestova in ihrer Heimatstadt bleiben – trotz der dramatischen Zustände. Dann traf eine Fliegerbombe das Nachbarhaus. Übrig blieb fast nur Schutt. Das war der Moment, in dem ihre Familie beschloss zu flüchten.

Nachher: Aletvinas Mann sucht mithilfe von Nachbarn nach Verschütteten. Diejenigen, die sie noch lebend aus den Trümmern ziehen können, sterben kurze Zeit später an ihren Verletzungen. Niemand weiß genau, wie viele Menschen in Mariupol seit Beginn der Angriffe ums Leben gekommen sind. Wegen des Dauerbeschusses ist die Bergung von Toten und Verletzten oft nicht möglich.

Nachher: Wo früher Straßen und Parks waren, klaffen nun tiefe Krater. Diejenigen, die es auf Mariupol herausgeschafft haben, sprechen von apokalyptischen Zuständen. Seit Wochen schon gibt es keinen Strom, keine Heizung, kaum mal ein stabiles Mobilfunknetz. Lebensmittel und Medikamente werden knapp, und Nachschub dringt nicht in die Stadt durch.

Stand: 28.03.2022, 20:37 Uhr