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Netzwerk der Zersetzer

mehrere Zunderschwämme an einem Baum

Pilze beseitigen sogar Giftmüll

Netzwerk der Zersetzer

Von Anne Preger

Forscher sind fasziniert: Egal ob Plastik, Farbe, Sprengstoff, Hormone oder Giftgas - Pilze knacken selbst die kompliziertesten chemischen Verbindungen. Deswegen können sie beim Entgiften von Böden und Gewässern helfen.

Das Essbesteck der Pilze

Pilze sind überall. Und wenn es feucht ist, wachsen sie besonders gut. Nicht nur im Wald, sondern auch auf unserem Toastbrot, in den Badezimmerfugen oder in der Tapete. Sogar an und in Kirchen fühlen sie sich wohl - in Wandmalereien oder in Orgeln! Pilze überleben selbst an unwirtlichen Orten. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Pilze sich von vielen Substanzen ernähren können, die andere Lebewesen nicht knacken können, oder die für uns sogar schädlich sind. Als Essbesteck nutzen Pilze besondere Enzyme. Mit diesen biochemischen Scheren können sie selbst komplizierte Substanzen zu Nahrung zerkleinern.

Holz als Hauptgericht

Besonders schwer verdaulich ist Holz. Es besteht zu einem Viertel aus Lignin, dem Stoff, der das Holz so stabil macht, weil er aus sehr komplexen Molekülen besteht.  Um diesen Stützstoff zu zerlegen braucht man Spezialwerkzeuge. Weißfäulepilze erzeugen die passenden Enzyme, sogenannte Peroxidasen. Ohne diese Fähigkeit der Pilze würden Pflanzenreste sehr viel schlechter verrotten.

Das Ende einer Ära

Möglicherweise haben diese Pilze deshalb auch das Ende der Steinkohle-Ära mit eingeläutet. Steinkohle besteht aus fossilen Pflanzenresten und stammt aus dem Karbonzeitalter. Das endete vor rund 290 Millionen Jahren. Um diese Zeit entwickelten sich anscheinend auch Weiß- und Braunfäulepilze mit ihrer Fähigkeit zum Holzabbau. Unter Umständen wurde seither das Holz in Sumpfwäldern besser abgebaut. Es blieb weniger organische Substanz übrig, die noch zu Steinkohle hätte werden können.

Großes Potential

Andere Pilze nutzen weitere Enzymscheren. Damit können sie unter anderem Sprengstoffe wie TNT, Farbstoffe, hochgiftige Cyanide, Pestizide, Erdöl und Plastikfolien aus dem verbreiteten Polyurethan abbauen. Pilze spezialisieren sich aber nicht unbedingt auf diese Schadstoffe als Nahrungsquelle. Sie bauen Schadstoffe meist eher zufällig und nebenbei ab. Obwohl Forscher inzwischen viele Fähigkeiten der Pilze und ihrer Enzyme entdeckt haben, werden sie noch nicht aktiv in großem Maßstab zur Sanierung vergifteter Böden genutzt. Oft wird aber auf die natürlichen Selbstreinigungskräfte der vorhandenen Pilze und Bakterien an einer Schadensstelle gesetzt.

Stark vernetzt

Der "Nebenbei"-Abbau ist ein großer Vorteil für die Entgiftung von Böden und Gewässern. So lassen sich dort auch Schadstoffe abbauen, die nur in Spuren vorkommen, die für andere Lebewesen aber trotzdem gefährlich werden können, wie Arzneimittelreste und Hormone. Außerdem kommen die Zersetzer-Pilze fast überall hin. Sie breiten sich zum Beispiel über die Luft mithilfe von winzigen Sporen aus. Aus denen entwickelt sich dann ein Geflecht aus feinsten Fäden. Dieses sogenannte Mycel kann im Extremfall kilometerlang, kiloschwer und tausende Jahre alt werden. Pfifferling, Steinpilz und Maronenröhrling im Korb der Pilzsammler sind nur die Fruchtkörper dieser Riesen im Untergrund.

Redaktion:
Christian Wesener

Stand: 07.10.2014, 16:05