Damit auch den Kleinsten die bittere Pille schmeckt

Kind nimmt Tabletten, Rechte: pa/Photo Alto/Arraou

Kindgerechte Medikamente

Damit auch den Kleinsten die bittere Pille schmeckt

Verweigert Ihr Kind den Hustensaft? Die Tablette wird ausgespuckt? Eltern kennen das Problem. Wissenschaftler der Universität Düsseldorf forschen nach kindgerechter Medizin in Dosis und Darreichungsform. Doch es ist fraglich, ob die Produkte je in die Apotheken kommen.

Viele Eltern kennen das Problem von Simone Chrystall: Sohn Lenny will den fiebersenkenden Saft nicht schlucken. "Er schlägt mit den Armen, er weint. Sobald ich ihn loslasse, spuckt er es aus", sagt die Düsseldorferin. Und am Ende weiß sie nicht, wie viel Medizin jetzt wirklich im Kind angekommen ist. Bei Tabletten stehen viele Eltern vor dem gleichen Problem, weiß Jörg Breitkreutz: "Die Kinder beißen zu, registrieren einen bitteren Geschmack und spucken es aus."

Die meisten Medikamente sind für Erwachsene zugelassen

Jörg Breitkreutz ist aber nicht nur Vater, er ist auch Wissenschaftler. In seinem Labor an der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität sucht der Pharmazeut nach Möglichkeiten, Medikamente für Kinder schmackhaft zu machen. Das Problem: Bei bestimmten Diagnosen gibt es keine zugelassene Arznei in einer guten Form für Kinder. "Die meisten Medikamente sind für Erwachsene zugelassen und wurden an Erwachsenen getestet", sagt er. Oft gibt es nicht einmal eine kindgerechte Darreichungsform.

Kinder bekommen diese Mittel, weil es nichts anderes gibt

Denn verglichen mit dem riesigen Erwachsenenmarkt ist der Markt für Kindermedizin vergleichsweise klein - kein gutes Geschäft für Pharmafirmen. Zwar schreibt die EU seit 2007 vor, dass alle neuen Arzneimittel auch für Kinder getestet sein müssen. Aber die Pharmafirmen scheuen den Aufwand und die Kosten. Kinder bekommen diese Mittel, weil es eben nichts anderes gibt. Breitkreutz und seine Forscherkollegen wollen das ändern: "Was wir wollen, ist eine stabile Arzneiform, die dann eben kindgerecht ist und für alle Kinder geeignet ist."

Minitabletten stellen sich als gute Lösung heraus

Wie ein solches Medikament beschaffen sein könnte, darüber hatte auch die Medizinstudentin Viviane Klingmann schon häufig nachgedacht, als sie 2009 nach einem Thema für ihre Doktorarbeit suchte. Man müsste etwas finden, das fest und damit anders als Saft gut zu dosieren ist - aber es müsste so winzig sein, dass auch ganz junge Kinder es leicht schlucken können. In Zusammenarbeit mit dem pharmazeutischen Institut wurde eine solche Minitablette zunächst als Placebo ohne Wirkstoffe entwickelt, in der Kinderklinik der Düsseldorfer Universität wissenschaftlich getestet und verglichen. "Die meisten Kinder spuckten den Sirup wieder aus, verweigerten die Einnahme. Die Minitabletten fanden die Kinder toll und haben sie sehr gut eingenommen", sagt Viviane Klingmann.

In einigen Jahren könnte es kindgerechte Medikamente geben

Inzwischen ist sie Assistenzärztin in der Kinderklinik, in einer dritten Studie werden Darreichungsformen für Neugeborene untersucht. Parallel dazu werden Versuche zeigen müssen, welche Wirkstoffe in welchen Dosen in Minitabletten gepackt werden können. Im pharmazeutischen Institut der Universität Düsseldorf haben Jörg Breitkreutz und seine Kollegen schon damit begonnen, versuchsweise Tabletten mit Wirkstoffen zu bestücken. Wenn alles glatt geht, die Studien mit kleinen Patienten gut laufen und ein Pharmaunternehmen gefunden wird, das Minitabletten herstellt, dann könnten in einigen Jahren kindgerechte Medikamente zur Verfügung stehen. 

Deutschland droht den Anschluss zu verlieren

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Aber auf den Markt kommen sie deshalb noch lange nicht. Denn die Festbeträge auf die älteren Arzneimittel sind an die Dosis gebunden. Wenn ein Kind eine niedrigere Dosis bekommt, wird also auch der Preis und am Ende der Erlös niedriger sein. Beispiel: Die 70 Kilogramm schwere Frau braucht zehn Milligramm, dann braucht das sieben Kilogramm schwere Kind ein Milligramm. Der Preis wäre nur ein Zehntel davon, wirtschaftlich für die herstellenden Unternehmen deutlich weniger lohnenswert. "Damit motiviert man niemanden, etwas zu machen", sagt Forscher Jörg Breitkreutz. Und so könnte Deutschland den Anschluss verlieren bei kindgerechten Medikamenten. Neue Darreichungsformen werden zwar entwickelt, zu haben aber sind sie nicht.

Autorin des Radiobeitrags: Regina Hauch.

Stand: 24.03.2014, 10:00

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