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Hilfe für beschnittene Frauen

Operationen und Gespräche

Hilfe für beschnittene Frauen

In Deutschland leben mindestens 30.000 Mädchen und Frauen, deren Genitalien beschnitten und verstümmelt sind. Im Berliner Krankenhaus Waldfriede können sie medizinische Hilfe bekommen. Die Ärzte können alledings nur die Folgen der Verstümmelung lindern.

In einem roten Sommerkleid sitzt Ntailan mit freundlichem Lächeln auf ihrem Sessel. Sie kommt aus einem Massai Dorf in Kenia. Bei diesem Volksstamm werden alle Mädchen mit etwa zwölf Jahren beschnitten. Dabei schneidet eine Frau den Kindern die Klitoris und die kleinen Schamlippen weg. Es ist eine Tradition, zu der ein Fest veranstaltet wird. 

Weibliche Genitalverstümmelung findet seit rund 5000 Jahren vor allem in Zentralafrika statt und ist auch in einigen asiatischen Ländern verbreitet, sagt Cornelia Strunz. Die Ärztin betreut am Desert Flower Center beschnittene Frauen. Wenn sie ihre Patientinnen fragt, warum sie verstümmelt wurden, wird sie oft mit großen Augen angesehen. "Die Frau soll ja rein in die Ehe gehen", heißt es dann. Sie dürfe nur Sex mit dem einen Mann haben. Deshalb die brutale Genitalverstümmelung. "Dadurch wird das sexuell gewünschte Desinteresse von den Frauen herbeigerufen“, so die Ärztin.

Grausame Praxis – heilsame Behandlung

Die meisten Opfer sind zwischen vier und vierzehn Jahren alt, betäubt werden nur wenige. Oft werden verschmutzte Rasierklingen oder Glasscherben benutzt. Viele Mädchen verbluten, andere sterben an Infektionen. Besonders gefährdet sind Mädchen, die nach der Beschneidung zugenäht werden, so dass nur eine winzige Öffnung übrig bleibt. Am Desert Flower Center operiert Cornelia Strunz mit Kollegen beschnittene Frauen, um die Folgen der Verstümmelung zu lindern. "Wir öffnen sie nicht nur, sondern rekonstruieren auch die Klitoris. Die Klitoris ist ja acht bis zehn Zentimeter lang und oftmals ist auch noch ein Rest vorhanden, so dass man den unter der Narbe findet und wieder nach vorne ziehen kann", erklärt die Medizinerin. Die Operationen finden in Vollnarkose statt und in der Regel können sie zwei Tage nach der Operation auch wieder entlassen werden.

Messer und Klingen für die Beschneidung von Mädchen

Messer und Klingen für die Beschneidung von Mädchen

Würde und Weiblichkeit

Gut 30 Frauen haben die Berliner Ärzte am Desert Flower Center schon operiert. Viele können danach Sex zum ersten Mal überhaupt lustvoll erleben. Die meisten Frauen kommen aber, weil sie durch die Operation die Würde zurück erlangen wollen. Weil sie ihre Weiblichkeit zurückhaben möchten.

Hilfe und Selbsthilfe

Im Desert Flower Center  werden die Frauen auch psychologisch unterstützt. Viele reden hier zum ersten Mal über ihre Verstümmelung.  Ntailan, die Massai, hat sich 2014 am Desert Flower Center operieren lassen Seitdem könne sie Sex genießen. Ihre Seele könne heilen, sagt sie. Seit Anfang dieses Jahres bietet sie einmal im Monat eine Selbsthilfegruppe an. Dazu gehört Gymnastik, man trinkt zusammen Kaffee oder isst ein Eis, spricht über Privates.  Die Hilfe steht allen Betroffenen offen. Wenn eine Frau nicht krankenversichert ist, übernimmt das Sozialamt oder der Förderverein Waldfriede die Kosten für eine Operation.

Die Geschichte

1998 erregte das Model Waris Dirie viel Aufmerksamkeit, als sie in ihrem Buch "Wüstenblume" davon erzählte, wie sie als kleines Mädchen in Somalia an den Genitalien verstümmelt wurde. Seitdem kämpft sie gegen diese grausame Tradition. Waris Dirie gründete 2002 die Organisation Desert Flower Foundation, die über Spenden Mädchen in Afrika vor der Verstümmelung rettet. Es ist eine Sisyphusarbeit, denn immer noch wird nach Angaben von Unicef alle zehn Sekunden ein Mädchen beschnitten, vor allem in Afrika. Dort haben einige Staaten die Praxis inzwischen per Gesetz verboten, doch viele Menschen halten sich nicht daran - aus Tradition.

Autorin des Radiobeitrags - Julia Beißwenger

Stand: 22.06.2015, 16:48