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Expedition Sibirien

Expedition Sibirien

Von Hannes Opel

Für das Feature "Pawel Potozkijs topografische Expedition" ist der Autor Hannes Opel nach Sibirien gereist. Zusammen mit dem Fotografen Philip Jeske suchte er nach den Spuren des 1945 dorthin verbannten Pawel Potozkij im ehemaligen Gulag Workuta. Die Stadt Workuta gibt es immer noch. Das Arbeitslager Workuta aber, in dem auch Potozki um sein Überleben kämpfte, wurde in den 1960er Jahren geschlossen. Hannes Opel und Philipp Jeske zeigen, wie es dort heute aussieht.

Lenin und Stalin auf dem Roten Platz

Die beiden Führer und eisernen Herrscher über die kommunistische Partei und die Sowjetunion. Lenin und Stalin ebnen den Weg für fast ein halbes Jahrhundert Terror, Verbannung und Zwangsarbeit. In Russland sind sie weiterhin populär und ihre Doppelgänger auf der Suche nach liquiden Touristen. Für ein paar Rubel gibt es ein Foto unweit des Mausoleums Wladimir Iljitsch Uljanows in Moskau.

Die beiden Führer und eisernen Herrscher über die kommunistische Partei und die Sowjetunion. Lenin und Stalin ebnen den Weg für fast ein halbes Jahrhundert Terror, Verbannung und Zwangsarbeit. In Russland sind sie weiterhin populär und ihre Doppelgänger auf der Suche nach liquiden Touristen. Für ein paar Rubel gibt es ein Foto unweit des Mausoleums Wladimir Iljitsch Uljanows in Moskau.

Das Leben in Workuta ist teuer. Da im unfruchtbaren Permafrostboden jenseits des Polarkreises kaum etwas angebaut werden kann und es weiterhin nur den Schienen- oder Luftweg nach Workuta gibt, bedeutet das für die Bevölkerung Lebenskosten auf Moskauer Niveau.

Von 1937 bis 1960 wurden mehr als eine Million Männer und Frauen zur Zwangsarbeit nach Workuta deportiert. Geschätzt 250.000 von ihnen starben an Kälte, Hunger, Krankheiten oder Hoffnungslosigkeit. Vereinzelte Kreuze erinnern außerhalb der Stadt an den Gulag. Mehr Spuren des Zwangsarbeiterlagers sind nicht geblieben. Versuche, die Vergangenheit aufzuarbeiten, gibt es von staatlicher Seite nicht.

Auf dem ehemaligen Appellplatz der 10. Lagerabteilung wurde am 01. August 1953 einer der größten Häftlingsstreiks des gesamten Gulags blutig niedergeschlagen. Heute wuchert dort Gras über rostigem Industrieschrott. Das Denkmal wurde von der litauischen Gesellschaft für Verfolgte in Zusammenarbeit mit der Menschenrechtsorganisation Memorial errichtet.

Dimitrij Konkalovich sieht aus wie Lenin. Er ist Stadtratsmitglied und Vertreter der Kommunistischen Partei der Russischen Föderation KPRF in Workuta. Die Maßnahmen, die die Regierung damals ergriffen hat, waren notwendig, um das Land im Inneren vor Agenten und Spionen zu schützen, sagt er.

Für ein Gespräch mit dem Bürgermeister von Workuta muss man zunächst am Wachpersonal vorbei. 2013 feierte die Stadt ihren 70. Geburtstag. Als Zentrum für die im Gulag zusammengeschlossenen Arbeitslager in Sibirien war sie ein wichtiger Außenposten der Sowjetunion.

Workuta ist noch immer vom "Festland" abgeschnitten. Ein vergessener Ableger des "Archipel Gulag". Über die Stadt wachen auch heute noch gewaltige Denkmäler von Lenin und Kirow. Die Zentralregierung ist weit weg. Obwohl seit 1989 viele Minen geschlossen wurden, lebt die Stadt noch immer von der Kohle.

Auf dem Markt verkaufen Großmütterchen (Babuschki) mit sorgsam gebundenen Kopftüchern eingelegte Gurken, Beeren oder Pelmeni, eine russische Nudelspezialität. Ihre Lebensmittel müssen die Bewohner von Workuta teuer aus dem Süden importieren. Gleichzeitig sind die Löhne gesunken, da die Produktion der Kohle in Workuta nicht mehr so rentabel ist. Einen Großteil ihres kargen Einkommens müssen die Workutinski nun für Miete und Lebensmittel ausgeben.

Mit dem Ende der Gulagzeit ab 1960 verbesserten sich die Lebensumstände in Workuta langsam. Die Regierung sah ein, dass sich das riesige Lagernetz nicht mehr aufrechterhalten ließ. Gleichzeitig stellte sie aber fest, dass sie auf die Arbeitskräfte und Ressourcen aus dem Norden nicht verzichten konnte. Daher schuf die Regierung Anreize, um in Workuta zu arbeiten. So zahlten die Kohleunternehmen stattlich Löhne. Hier konnte man Produkte kaufen, die es andernorts in der Sowjetunion nur schwer zu kaufen gab. In den goldenen Jahren lebten über 200.000 Menschen kurz vor dem Ural.

Doch Ende der 1980er Jahre wurden die Förderungsbedingungen zu teuer für die Industrie. Die Kohle war auf dem internationalen Markt nicht mehr wettbewerbsfähig. Allmählich schloss eine Miene nach der anderen. Und mit ihnen verwandelten sich ganze Siedlungen in Geisterstädte.

In diesen Siedlungen spielen die heutigen Grubenarbeiter Krieg. Es sind Stadtviertel, in denen sie selbst aufwuchsen. Von Moskau fühlen sich viele verraten. Schließlich hätten sie kaum etwas von der Kohle, die sie tagtäglich aus der Erde holen.

Im Winter gibt es kaum Licht und bis zu 50 Grad unter Null. Doch viele sind mit dieser kargen Region verwachsen. Sie können sich nicht vorstellen, im Süden zu leben. Über Besuch aus dem Ausland freuen sich die Workutinski dagegen sehr.

Stand: 22.04.2020, 14:34 Uhr