Hochspannung unterm Acker

Verlegung von Höchstspannungsleitungen unter der Erde.

Erdkabel statt Freileitung

Hochspannung unterm Acker

Von Jörg Marksteiner

Für die Energiewende müssen tausende Kilometer neuer Stromleitungen gebaut werden. Beliebt sind die riesigen Strommasten nicht. Im Münsterland wird versucht, die Kabel teilweise zu verbuddeln. Eine Alternative?

Breite Schneisen erforderlich

Eine 40 Meter breite Schneise zerschneidet die Maisfelder bei Raesfeld im Münsterland. Was von weitem aussieht wie der Bau einer neuen Landstraße, ist tatsächlich eine der spannendsten Baustellen Deutschlands: Auf vier Kilometern Länge werden hier Höchstspannungsleitungen unter der Erde verlegt. Durch die zwölf Rohre soll in wenigen Jahren der Strom für drei Millionen Menschen fließen – zwei Meter unter dem Acker. Das hat es so bundesweit noch nicht gegeben. Ende Oktober werden die ersten Kabel eingezogen.

Nur Teilabschnitte unterirdisch

Als vor Jahren entschieden wurde, die bestehende Stromtrasse Meppen-Wesel für die Energiewende auszubauen, bekam sie den Status einer Pilottrasse: An drei Stellen auf der 30 Kilometer langen Hochenergie-Strecke sind nun Teilabschnitte geplant, wo die Kabel von den Masten in die Erde verschwinden. "Wir haben noch nie ein Kabel verlegt, wo man in das Herzstück eines Energieversorgungssystems Kabelabschnitte hineinbaut", sagt Klaus Kleinekorte, technischer Geschäftsführer beim Netzbetreiber Amprion. Zehn bis zwölf Prozent der Stromtrasse könnten bundesweit vergraben werden – theoretisch. "Aber es ist eine komplett neue Technologie. Wir wissen noch nicht, was das für die Langzeitstabilität des Netzes bedeutet."

Längere Kabel – unüberwindliche Probleme

Die Kabel wurden auf einer Spule mit einem Durchmesser von 4,30 Meter aufgerollt.

Die Kabelspulen wiegen 55 Tonnen!

Alle 1,3 Kilometer müssen die Kabel mit Muffen verbunden werden. "Das ist das kritische Bauteil." Niemand hat Erfahrung, wie lange sie halten. Längere Kabel zu bauen ist möglich, aber zum Verlegen müssen sie auf große Spulen aufgerollt werden. Die wiegen 55 Tonnen und haben einen Durchmesser von 4,30 Meter – noch längere Kabel würden die Spulen zu schwer machen, um sie über Brücken zu transportieren – und zu groß, um unter Brücken durchzukommen.

"Einfach verbuddeln" geht nicht

Raesfeld wurde als Erdkabelstandort ausgewählt, weil dort die Bedingungen stimmten: Die Erdkabel kommen im Rahmen von Pilotprojekten in Frage, wenn Höchstspannungsleitungen einen Abstand von weniger als 200 Metern zu Einzelbauernhöfen und von 400 Metern zu Wohnbebauungen hätten, heißt es im Energieanlagenausbaugesetz , §2(2). "Die Bürger, die hier in der Nähe wohnen, die finden das Projekt gut", sagt Kleinekorte. Denn das erspart ihnen den Blick auf Strommasten. Aber: "Die Landwirte sehen das sehr skeptisch. Sie wachen mit Argusaugen über diese Baustelle, was ja auch verständlich ist."

Die Hochenergieleitungen im Boden werden im Betrieb am Kabel bis zu 50 Grad heiß. Eine Mischung aus Mutterboden, Ton und Zement, der wie Estrich um die Rohre gekippt wird, soll die Wärme gleichmäßig abführen. "An der Oberfläche wird noch eine Differenz von zwei bis drei Grad ankommen", sagt Ludger Meiter, Betriebsleiter bei Amprion. "Aber schneefreie Schneisen wird es wohl nicht geben."

Die Rohre sind von einer Mischung aus Mutterboden, Ton und Zement umgeben.

Eine Mischung aus Mutterboden, Ton und Zement führt die entstehende Wärme ab.

Forschungsprojekt ermittelt Ernteausfälle

Mit hunderten Temperaturfühlern im Boden und mit Vergleichsflächen soll über zwei Vegetationsperioden beobachtet werden, ob der Ernteertrag geringer ausfällt – wegen der Wärme und des durch die Bauarbeiten verdichteten Bodens. Eine Entschädigung für die Landwirte ist vertraglich vereinbart. Außerdem erhalten sie eine Einmalzahlung von unter 5.000 Euro. Zum Vergleich: Für Standorte von Windkraftanlagen werden zum Teil 40.000 bis 50.000 Euro fällig – pro Jahr.

Bis zu 30 mal teurer

Klar ist schon jetzt, dass Erdkabel deutlich teurer sind. Eine Freileitung kostet pro Kilometer 1 bis 1,4 Millionen Euro. Die Kabel in Raesfeld sind sieben bis acht mal teurer. "Und hier haben wir noch einfache Verhältnisse, wo wir viel über ebenen Acker gehen", sagt der Amprion-Geschäftsführer. "Ein Kilometer Erdkabel kann auch 30 mal teurer sein. Etwa, wenn viele Straßen oder Flüsse aufwendig unterquert werden müssen und wenn Gas- oder Wasserleitungen gekreuzt werden."

Vielerorts nicht möglich

Das ist eine Krux der Erdkabel: Dort, wo sie besonders sinnvoll wären, weil viele Menschen betroffen sind, wird es teuer – denn wo viele Menschen wohnen, liegt auch viel unterirdische Infrastruktur vergraben. Das macht die Kabel genau dort teuer, wo sie gebraucht würden. Das erklärt auch, warum Amprion auffallend zurückhaltend ist mit seinem Erdkabelprojekt. Amprion-Manager Ludger Meier: "Wir sehen das in jedem Genehmigungsverfahren. Da taucht immer die Frage auf: Kann man unsere Wohnsiedlung nicht auch verkabeln? Und je mehr wir den Beweis antreten, dass es prinzipiell geht, umso schärfer wird die Diskussion geführt. Auch an Stellen, wo wir vermutlich diese Kabellösung nicht einfach werden realisieren können." Hinter den Kulissen heißt es: Vermutlich helfen einzelne Abschnitte mit Erdkabeln, Trassen leichter genehmigt zu bekommen. "Aber ein Allheilmittel sind sie nicht", versucht Meier allzu große Hoffnungen zu zerstreuen.

Unterm Wald geht gar nicht

Auch deshalb, weil die Hochenergie-Erdkabel kaum durch Wälder verlegt werden können: Die Kabeltrasse kann zwar mit Mais und ähnlichem bepflanzt werden, nicht aber mit tief wurzelnden Bäumen. Amprion-Geschäftsführer Kleinekorte: "Das würde bedeuten, dass sie im Wald eine 20 Meter breite Schneise hätten. Die optische Beeinträchtigung wäre dann stärker als bei Freileitungen." Dazu kommt: Über einem Erdkabel ist das elektromagnetische Feld zwar innerhalb der Grenzwerte, aber höher als unter einem Strommast.

Redaktion:
Detlef Reepen

Stand: 26.09.2014, 16:05

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