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Studieren oder stumpfes Pauken?

Aufnahme eines überfüllten Hörsaals an einer Hochschule

Serie: 15 Jahre Bologna-Reformen (3/3)

Studieren oder stumpfes Pauken?

15 Jahre wird der Bologna-Prozess in dieser Woche, also der große Umbau der europäischen Hochschul-Landschaft. WDR 5 Leonardo zieht aus diesem Anlass mit einer kurzen Serie Bilanz. Heute kommen vor allem die Zweifler zu Wort.

Begeisterung, Aufbruchsstimmung, gar das Gefühl einer Vision: Als der Bologna-Prozess vor genau 15 Jahren angestoßen wurde, waren viele der Beteiligten regelrecht euphorisch. So ging es auch Wolfgang Lieb, damals Staatssekretär im Wissenschaftsministerium in Nordrhein-Westfalen. Er glaubte fest daran, dass die Hochschulen gewissermaßen eine europäische Identität stiften könnten. "Ich fand, das ist eine sehr, sehr positive Idee", sagt er. Als Gründe nennt Lieb vor allem die Vorstellung von einem "europäischen Hochschulraum, den Austausch der Studierenden innerhalb Europas, den Austausch der Lehrenden innerhalb Europas und die Angleichung der Studienbedingungen".

Von der anfänglichen Euphorie ist nicht viel übrig

Inzwischen bewertet Wolfgang Lieb den Bologna-Prozess kritisch. Vor allem, was die Umsetzung betrifft. Man habe die Dinge überstürzt, nicht gründlich durchdacht. "Man hat kein Konzept gehabt, ein Bachelorstudium auf sechs Semester zu reduzieren, sondern man hat also alles mögliche hineingestopft, was hineinzustopfen war", sagt er heute. Studierende hätten das als "Bulimie-Studium" erlebt. "Nämlich reinfressen", so Lieb, "und bei der Prüfung wieder ausspucken."

Fehlt am Ende das solide Fachwissen?

Das heutige Studium sei eine regelrechte Spar-Ausbildung, in der zu viele Inhalte nur angerissen werden, kritisiert auch Karl-Otto Edel. Er ist emeritierter Professor für Technische Mechanik an der Fachhochschule Brandenburg. Als Diplomingenieur hält er die Stückelung des Studiums in Bachelor und Master für kontraproduktiv – vor allem für die Vermittlung von solidem Fachwissen. "Es wurde propagiert, man könnte ein Maschinenbaustudium machen als Bachelor und dann noch ein BWL Studium draufsatteln", erinnert sich Edel. Er hält das für grundlegend verkehrt. "Denn die BWL-Grundlagen, wann werden die gelehrt? Irgendwas kommt immer zu kurz dabei", so sein Fazit.

Abschlüsse formal gleichberechtigt ...

Hinzu komme eine unklare Rollenverteilung zwischen Fachhochschulen und Universitäten. Formal, so Karl-Otto Edel , seien deren Abschlüsse zwar gleichberechtigt, und durch den Bologna-Prozess sollte die Durchlässigkeit zwischen beiden Hochschularten verbessert werden. Aber Einigkeit über die gegenseitige Bewertung gebe es auch 15 Jahre nach Beginn der Reformen noch nicht. "Die Fachhochschulen", so Edel, "waren wohl der Auffassung, wir dürfen auch den Master anbieten und dann ziehen wir mit den Universitäten gleich – und die Universitäten sagten, wir sind für dieses gestufte Studium, dann können wir die ganzen Bachelorstudenten an die Fachhochschulen abgeben."

Und noch einen Kritikpunkt führt der Wissenschaftler an: Der deutsche Abschluss Diplom-Ingenieur habe weltweit einen guten Klang gehabt. Ihn für den Master aufzugeben, sei ein strategischer Fehler gewesen – zumal andere Länder vor ziemlich genau 15 Jahren damit begonnen hätten, das deutsche Hochschulsystem zu kopieren.

Was also war gut am alten Studiensystem vor dem Bologna-Prozess?

Darüber wird, pünktlich zum 15. Geburtstag der großen Reform, auch in Deutschland wieder diskutiert. Der frühere Bildungspolitiker Wolfgang Lieb findet es ermutigend, dass die Verantwortlichen aus den Schwierigkeiten der Bologna-Reform gelernt haben. Weg von der reinen Arbeitsmarktorientierung, dazu eine Entschlackung der Studienordnung und damit mehr Luft für die Studierenden, um auch anderen Interessen inner- und außerhalb des Studiums nachgehen zu können – das, findet Wolfgang Lieb, könne die Bologna-Reform möglicherweise noch retten. Und er ist – ganz vorsichtig – sogar optimistisch: "Ich kann nur hoffen, dass diese Entwicklung, ein Studium wieder zu einem Studium und nicht zu einer Pauk-Einrichtung werden zu lassen, dass sich dieses wieder durchsetzt."

Autoren des Radiobeitrags sind Armin Himmelrath und Eleonora Pauli.

Stand: 17.06.2014, 11:14

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