Befreundet mit Bakterien

Bund fürs Leben

Service Sachbuch - Bund fürs Leben

Befreundet mit Bakterien

Von Anne Preger

Es ist Zeit, Bakterien nicht mehr als Feinde zu betrachten, sagen die Autoren Hanno Charisius und Richard Friebe. Der Mensch ist ein ganzes Ökosystem mit Milliarden Bewohnern. Lernen wir sie kennen!

Wir haben abermilliarden Freunde, die uns immer ganz nah sind. Sie sitzen auf unserer Haut, in den Augen und Ohren, im Mund und im Darm. Für die Autoren Hanno Charisius und Richard Friebe ist das kein Grund zur Panik. In ihrem Buch "Bund fürs Leben – Warum Bakterien unsere Freunde sind" versuchen sie mit dem alten Feindbild aufzuräumen. Krankheiten entstehen nicht nur, wenn Keime da sind, sondern gerade weil sie fehlen. Forscher vermuten solche Zusammenhänge zum Beispiel bei Fettleibigkeit, Allergien und Autoimmunkrankheiten.

Zum Glück unhygienisch

Die beiden Wissenschaftsjournalisten und Biologen Hanno Charisius und Richard Friebe nehmen ihre Leser mit auf eine "Expedition ins Wir-Reich". Eine der ersten Stationen dabei ist der Kreißsaal: "Es ist laut, es wird auf Hygiene geachtet, ein neues Leben kommt offiziell an auf Erden. Gleichzeitig passiert aber noch etwas anderes. Geräuschlos. Unhygienisch. Sehr inoffiziell. Aber auch sehr lebendig." Denn bei der Geburt gelangen jede Menge Bakterien auf ein Kind, nicht nur aus der Scheide und von der Haut der Mutter, sondern möglicherweise auch aus ihrem Enddarm. "Und wer das alles eklig, unhygienisch, gefährlich, therapiebedürftig findet, liegt in fast allen Fällen ziemlich falsch."

Bakterientherapie nach Kaiserschnitt

Das macht sich bei Kaiserschnitt-Kindern bemerkbar, die ohne Freunde von der Mutter ins Leben starten. Ihr Immunsystem bekommt anscheinend nicht genug Trainingspartner. Ihr Darm besiedelt sich offenbar weniger schnell mit Bakterien. Kaiserschnittkinder leiden statistisch betrachtet später häufiger an Asthma und Allergien als natürlich geborene Kinder. Die Autoren stellen eine Mikroben-Forscherin in New York vor, die die negativen Auswirkungen eines Kaiserschnitts verhindern will, "indem man einer Frau, die gerade einen Kaiserschnitt bekommt, eine sterile Kompresse in die Scheide einführt und mit dieser danach gar nicht mehr sterilen Kompresse das Neugeborene einreibt." Die Studie dazu läuft gerade noch; der "Bund fürs Leben" ist sehr aktuell. Viele Forschungen stammen aus dem Herbst 2013. An etlichen Stellen schreiben die Autoren außerdem, dass die Studien erst kurz nach dem Erscheinen des Buchs fertig werden. Das ist beim Lesen zwar etwas unbefriedigend, dieses Problem lässt sich aber bei Büchern über aktuelle Forschung kaum lösen.

Bakterien + Medizin = Gift?

Über weite Strecken schreiben die Autoren in höchst charmantem Tonfall: "Ein einmal etabliertes unerwünschtes Bakterium durch ein anderes, vielleicht gesundheitsförderliches zu ersetzen, ist deutlich schwerer, als Michael Ballack aus der Fußball-Nationalmannschaft heraus zu ekeln." Leider gelingt es Charisius und Friebe aber nicht in jedem Kapitel, die Flut der Fachwörter einzudämmen. Wer sich für Gesundheit interessiert, wird den "Bund fürs Leben" trotzdem sehr gerne lesen.
Das Buch informiert unterhaltsam über ein hochaktuelles Forschungsfeld. Aufschlussreich sind auch die Kapitel über den Einfluss von Bakterien auf Krebserkrankungen und auf unsere Psyche. Diese Forschung ist aber noch am Anfang. Das gilt auch für das Zusammenspiel von Darmbewohnern und Medikamenten. Je nach Zusammensetzung der Mannschaft im Darm kann es sein, dass bestimmte Medikamente unwirksam gemacht werden oder sogar in Giftstoffe umgewandelt werden. Friebe und Charisius nennen hier das Schmerzmittel Paracetamol, das deswegen nicht für jeden Menschen geeignet ist.

Vorsicht vor Abzocke

Man merkt deutlich, wie sehr die Autoren sich für das Thema begeistern – besonders für radikal neue Forschungsansätze wie die Stuhlspende oder auch Fäkaltransplantation. Trotzdem erliegen Charisius und Friebe nicht dem Experimentaldrang. Sie weisen darauf hin, dass auch in Sachen Darmgesundheit schon ein Schwarm von Therapeuten und dubiosen Firmen dabei ist, Geld mit Behandlungen und Mitteln zu verdienen, die im besten Fall wirkungslos sind und im schlimmsten Fall schädlich.
Wie die Autoren schreiben, lassen sich positive Auswirkungen von Darmspülungen oder so genannten "effektiven Mikroorganismen" bislang nicht nachweisen. Wer das Bedürfnis verspürt, seinen mikrobiellen Mitbewohnern etwas Gutes zu tun, dem empfehlen Hanno Charisius und Richard Friebe stattdessen entsprechend dem Stand der Forschung ganz konventionell, mehr Gemüse und weniger Zucker zu essen und sich auch sonst gesünder zu ernähren.

Redaktion:
Rainer Marquardt

Stand: 21.03.2014, 16:05

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