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Kommentar: WM genießen

3 Fußballfans auf einer Couch beim Torjubel

Kommentar: WM genießen

Von Irene Geuer

Heute ist also der große Tag. Die Fußballweltmeisterschaft beginnt. Aber so viele Fähnchen wie sonst hängen nicht an den Fassaden. Und auch die Autos – kaum geschmückt. So viele kritische Berichte rund um den Fußball, ob aus Russland oder Deutschland.

Heute ja wieder! Also, lassen wir uns auf die WM ein, ober kauen wir die ganze Zeit auf dem bitteren Beigeschmack herum? Irene Geuer hat das mit ihrer Familie diskutiert ...

Kommentar: WM genießen

WDR 4 Zur Sache | 14.06.2018 | 01:59 Min.

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Es fällt uns schwer in unserer Familie, die gerne und viel über das Weltgeschehen diskutiert, alles wegzudrücken, was diese WM an politischem Mist umgibt. Aber wir dachten, wir hätten es geschafft, mal nicht an die ganzen Geschichten aus Russland zu denken um die unter den Nagel gerissene Krim, um Giftanschläge oder um das Hacken anderer Nationen.

Wir haben auch lange um Özil und Gündogan gerungen. Der Opa war von Anfang an dafür, die beiden müssten mit nach Russland. Meine Tochter und ich waren kritischer, weil für uns die beiden Spieler keine dummen Jungen, sondern Vorbilder für so viele Jugendliche sind.

Aber wir haben uns drauf geeinigt, dass man aus einer Mücke auch nicht immer einen Elefanten machen muss. Es gibt Schlimmeres und auch Klügeres, als ständig über Fehlpässe zu diskutieren. Aber jetzt wenige Stunden vor der Eröffnung dann wieder so ein Mist, der uns die WM vermiesen könnte, weil dem deutschen Doping-Experten Hajo Seppelt dringend abgeraten worden ist, nach Russland zu fahren. Dort könnte ihm ein Anschlag auf sein Leben drohen. Ja, reicht es nicht mal langsam? Was sollen diese Weltmeisterschaften eigentlich noch? Die nächste findet in Katar statt, wo es noch so etwas wie Arbeitssklaven gibt.

Stimmt alles, sagt der Opa und er hat ohne große Diskussion heute Morgen den Spielplan fürs Familiengucken festgelegt. Alternativlos. Eröffnung geht klar. Morgen dann auf jeden Fall Portugal gegen Spanien. Ich glaube, er hat bereits meine Freitags-Kartenspielrunde angerufen und für mich abgesagt.

Wir haben ihn gefragt, warum er das ganze andere einfach so ausblendet. Und da erzählte er von 1955. Die damalige Sowjetunion lud den Weltmeister Bundesrepublik Deutschland zu einem Freundschaftsspiel ein. Das Auswärtige Amt war strikt dagegen, es herrsche schließlich kalter Krieg.

Aber Adenauer sagte zu. Und es wurde sportlich ein Fest. Die Spieler überreichten sich vor dem Anpfiff Blumen. Die Partie war schön und fair mit fünf Toren. Russland gewann auf dem Feld und die Bundesrepublik gewann auch – auf politischer Ebene. Also schloss der Opa, wir wissen nicht was passiert, aber wir sollten dabei sein, um das Schöne nicht zu verpassen. Mit diesem Optimismus reißt er uns mit. Seinen Fernsehsessel hat er schon zurechtgerückt.

Stand: 14.06.2018, 13:10