Kommentar: Der letzte Tag in der Normalität

Frau mit Blumenkette in Deutschland-Farben sitzt vor Fernseher mit einer Schüssel Erdnussflips

Kommentar: Der letzte Tag in der Normalität

Von Ferdinand Quante

Alles noch so normal da draußen! Aber das wird sich morgen ändern, für sehr viele Menschen im Lande, ja in der ganzen Welt. Denn morgen beginnt die Fußballweltmeisterschaft.

Vier Wochen Ausnahmezustand brechen bald an, jedenfalls für Ferdinand Quante.

Kommentar: Der letzte Tag in der Normalität

WDR 4 Zur Sache | 13.06.2018 | 02:04 Min.

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Passen Sie auf, ich kriege da eine Partyeinladung für den kommenden Freitag. Ein guter Bekannter feiert Geburtstag. Wie schön! Ich sage zu, per Mail. Die Nachricht ist gerade abgeschickt, trifft mich der Blitz. Freitag!

Da ist Portugal gegen Spanien, um acht. Soweit kenne ich den Spielplan schon auswendig. Ich muss da was klären und rufe gleich an. Hallo, ja, bei mir alles bestens, nur, wie ist das noch mal geplant, wird abends der Fernseher …?

Also nicht, dass ich nur zum Gucken kommen wolle, aber … Was, wie bitte? Die Glotze läuft, ach, und es wird sowieso eine Fußballparty. Na prima, ich komme, ja sicher! Und das Schlimme ist: Ich schäme mich nicht mal für meine WM-Gier und dafür, den Fußball über alles zu stellen, ab morgen vier Wochen lang.

Vielleicht, weil die meisten es ja genauso tun. Beweisen kann ich’s zwar nicht, würde aber wetten, dass die Hochzeitsquote während einer WM ziemlich gering ist. Für eine so aufwändige Sache wie Heirat fehlt während der Vorrunde einfach die Zeit, in der Finalrunde genauso, und dass beim Brauttanz der ganze Saal Deutschland-Spanien guckt, will man ja auch nicht.

Die WM ist nämlich wie eine riesige Mühle, die alles zerschreddert: Kinogänge, Verabredungen, auch die Politik. Die Nachrichten in der Halbzeitpause eines WM-Spiels kommen mir immer ziemlich belanglos vor, selbst weltbewegende Vorgänge haben plötzlich fast kein Gewicht.

Ich glaub’, das geht vielen so, und die Politiker nutzen das aus. Während der WM 2006 beschlossen sie, die Mehrwertsteuer zu erhöhen. Bei der WM 2010 stieg der Beitragssatz für die gesetzlichen Krankenkassen. Wenn jetzt der Soli verdreifacht wird, werd ich nur mit den Schultern zucken.

Heute ist der letzte Tag vor der WM, vor der großen Verwandlung. Noch vor ein paar Wochen war mein Alltag zu eng, um auch nur fünf Filme im Monat zu gucken. Jetzt stehen 64 Spiele an. Ich weiß nicht, wie das geht, aber ich hab jetzt jede Menge Zeit. Ein Wunder! So groß wie das Wunder von Bern.

Stand: 13.06.2018, 13:10