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Rettung aus höchster Not

Rettunskräfte transportieren einen der zwölf Jungen, der in der thailändischen Hölle gefangen war

Rettung aus höchster Not

Von Ferdinand Quante

Seit gestern wissen wir: sie sind gerettet, nach 17 ungewissen Tagen in einer Höhle. Das Drama von Thailand hat die Welt bewegt, Millionen, vielleicht sogar Milliarden Menschen haben Anteil genommen am Schicksal von zwölf jugendlichen Fußballern und ihrem Trainer.

Irgendwie verständlich, aber auch irgendwie erstaunlich, denn so viele andere schlimme Ereignisse finden nur wenig oder überhaupt keine Resonanz. Warum eigentlich?

Was für ein unfassbares Drama! Zwölf Jungen und ein Mann in auswegloser Lage. Allein in einem Schlauchboot auf der Flucht vor dem Krieg. Seit zehn Tagen treiben sie übers aufgewühlte Mittelmeer. Seenotretter kämpfen sich an sie heran und – halt, stopp! Da sind wir wohl gerade im falschen Film.

Der Richtige spielt natürlich in Thailand. Die Rettung aus der furchterregenden Höhle war und ist in jeder Hinsicht großartig, und wenn ich dieses außergewöhnliche Ereignis hier so schroff dem alltäglichen Flüchtlingselend gegenüberstelle, will ich gar nicht auf Moral hinaus, so nach dem Motto, wer das Höhlenabenteuer mit heißem Herzen verfolgt hat, muss genauso auch für die Not der Flüchtlinge was übrighaben.

Nein, mir geht’s um die eher psychologische Frage, warum für uns Not nicht gleich Not ist und wieso wir manchmal mitfiebern und manchmal weniger oder vielleicht auch gar nicht. Ich denke es geht um Identifikation. Junge Fußballer machen einen Ausflug und geraten in Gefahr. Das kann auch hier bei uns passieren, die Jungs könnten unsere Jungs sein, unsere Kinder, unsere Enkel. Macht man sich nicht immer ein bisschen Sorgen, wenn sie auf Tour gehen? Vielleicht malt man sich sogar Schlimmes aus.

In Thailand ist das Schlimme wahr geworden, zwölf Jungen und ihr Trainer eingeschlossen in einer Höhle, ein Alptraum, Rettung so gut wie unmöglich. Und dann geschieht es doch, gigantische Anstrengungen werden unternommen, Taucher kommen zum Einsatz, hunderte Helfer sind vor Ort, und die Jungen werden gerettet, nach und nach, es ist wie in einem zutiefst beklemmenden Film mit Happy End.

Kein Wunder, dass tatsächlich ein Hollywoodproduzent vor der Höhle herumstrich und sich die Filmrechte an dem Ereignis sichern wollte. Es war ja auch eine Art Thriller, ein unfassbares Abenteuer, das die halbe Welt bewegt hat, völlig zu Recht.

Warum aber Tausende Bootsflüchtlinge weltweit nicht so viel Anteilnahme finden wie zwölf Jungen und ein Trainer – nun, vielleicht ist es wirklich eine Frage der Identifikation. Oder liegt’s daran, dass Flucht mittlerweile schon so alltäglich ist, so wenig spektakulär? Ich weiß es nicht. Aber seltsam ist das Ganze schon.

Rettung aus höchster Not

WDR 4 Zur Sache | 11.07.2018 | 02:15 Min.

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Stand: 11.07.2018, 13:10