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Unser Zusammenleben – aggressiv und respektlos?

Plastikfiguren auf Puzzleteilen, Symbolbild Zusammenleben, Gesellschaft

Unser Zusammenleben – aggressiv und respektlos?

Von Katja Schwiglewski

Nach dem Angriff auf zwei Bademeister in Essen beklagt der Bundesverband deutscher Schwimmbäder eine zunehmende Aggressivität in Freibädern. In vielen Städten und Gemeinden werden Bürgermeister, Gemeinderäte oder Rathaus-Mitarbeiter bedroht. Auf der obersten Eskalationsstufe: die Messerattacken von Köln und Altena. Jetzt die Meldung, dass der mutmaßliche rechtsextreme Täter im Mordfall des Kasseler Regierungspräsidenten Lübcke gestanden hat. Ist das die Welt, in der wir leben?

Unser Zusammenleben – aggressiv und respektlos?

WDR 4 Zur Sache 26.06.2019 02:04 Min. Verfügbar bis 18.06.2020 WDR 4

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Damit wir uns nicht falsch verstehen: Es liegt mir fern, Gewalt und menschenverachtendes Verhalten zu verharmlosen. Ich finde es unerträglich, dass Menschen bedroht und verletzt werden, dass manche um ihr Leben fürchten. Und ich finde es absolut richtig und notwendig, dass Politik, Justiz und Zivilgesellschaft darüber nachdenken, wie unser demokratisches Zusammenleben vor solchen Anfeindungen geschützt werden kann.

Aber ich weigere mich zu glauben, dass wir in einer durch und durch verrohten, aggressiven Gesellschaft leben. Diese Brille möchte ich nicht aufsetzen. Es liegt in der Natur der Sache, dass Nachrichten in der Regel schlechte Nachrichten sind. Beinahe täglich hören wir von Übergriffen und Verbrechen, von Tätern, die Schlimmes tun. Aber hören wir auch von den Millionen, die nichts Schlimmes tun, die rücksichtsvoll durchs Leben gehen und Gewalt ablehnen?

Was wäre das für eine merkwürdige Meldung: Knapp 83 Millionen Menschen in Deutschland haben heute niemanden niedergestochen. Ich muss das so drastisch formulieren, denn manchmal habe ich nach der Zeitungslektüre den Eindruck, in einem Land der blutrünstigen Messerstecher zu leben. Dann muss ich mich kurz schütteln und überlegen, wie mein Leben denn wirklich aussieht. Und das sieht so aus: Meine Familie und meine Freunde sind gut zu mir und ich zu ihnen. Zu meinen Nachbarn sage ich "Guten Morgen" und "Guten Tag" und sie sagen das Gleiche zu mir. Die alte Dame unten im Haus nimmt immer unsere Pakete an. Wenn ich die abhole, halten wir ein Schwätzchen. Neulich im Einkaufszentrum habe ich ohne groß zu überlegen eine Aufzugtür aufgedrückt, die schon fast zu war. Da hat mich die nahende Mutter mit dem Kinderwagen angestrahlt. Pillepalle? Nicht doch.

Es sind auch die alltäglichen Gesten und Taten, die darüber entscheiden, in welcher Welt wir leben. Wer die allgemeine Rücksichtslosigkeit beklagt, sollte das nächste Mal dem anderen auf dem Parkplatz den Vortritt lassen. Wir bestimmen das gesellschaftliche Klima, in jedem Moment. Auch wenn es manchmal schwer fällt: Mein Grundvertrauen in die Mitmenschlichkeit lasse ich mir nicht nehmen.

Stand: 26.06.2019, 13:10