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Kommentar: Zapfenstreich mit Rosen

Angela Merkel beim Zapfenstreich

Kommentar: Zapfenstreich mit Rosen

Von Katja Schwiglewski

War es nur der kalte Wind, der durch den Hof des Bendlerblocks im Bundesverteidigungsministerium wehte oder doch ein Anflug von Rührung? Es sah so aus, als hätte Angela Merkel beim Großen Zapfenstreich zu ihrer Verabschiedung zwischendurch doch mal kurz feuchte Augen bekommen. Insgesamt absolvierte die scheidende Kanzlerin die Zeremonie mit der gewohnten Gefasstheit und Zurückhaltung. Was auf jeden Fall in Erinnerung bleibt, ist ihre Musikauswahl.

Kommentar: Zapfenstreich mit Rosen

WDR 4 Zur Sache 03.12.2021 01:58 Min. Verfügbar bis 03.12.2022 WDR 4 Von Katja Schwiglewski


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Seit gestern habe ich einen Ohrwurm. "Du hast den Farbfilm vergessen", ein DDR-Hit der blutjungen Nina Hagen, damals noch ein braves Mädchen, aber doch nicht ganz so bieder und brav wie Kohls Mädchen Jahre später. Zwei Frauen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: die schrille Punk-Ikone und die nüchterne Politikerin, die auch promovierte Physikerin ist. Die eine ein Paradiesvogel, die andere nur bunt bei der Farbpalette ihrer ewig gleichen maßgeschneiderten Merkel-Blazer. Wer hätte gedacht, dass es da eine Verbindung gibt? Eine Verbindung, die immerhin so stark ist, dass bei drei Wunschtiteln die Wahl ausgerechnet auf dieses Lied fällt.

Wie es im Herzen der Angela Merkel aussieht, haben wir so gut wie nie erfahren. Sie hat sich selten reingucken lassen und ihren Job sachlich und unaufgeregt gemacht. Jetzt ahnen wir, wie der Soundtrack ihres Lebens klingt. Erstaunlicherweise scheinen darin genau jene Facetten eine Rolle zu spielen, mit denen sie als Kanzlerin niemals hausieren gegangen ist: ostdeutsch, weiblich, christlich. Neben Nina Hagens Partykracher hatte sich Angela Merkel ja auch das Kirchenlied "Großer Gott, wir loben Dich" gewünscht und Hildegard Knefs pathetische Emanzipationshymne "Für mich soll’s rote Rosen regnen".

Rote Rosen standen neben den Ehrenplätzen des Dreigestirns aus künftiger Ex-Kanzlerin, künftiger Ex-Verteidigungsministerin und dem Generalinspekteur der Bundeswehr als Ausrichter der Veranstaltung. Ein feminines Symbol der Liebe im Kontrast zum männlich-militärischen Zeremoniell des Großen Zapfenstreichs. Sie hat Witz, diese Angela Merkel, auch in diesem Punkt ist sie oft unterschätzt worden. Was fehlt, wenn sie weg ist, werden wir bald merken. Dass sie selbst nach 16 Jahren genug hat, verstehe ich absolut. Ich meine, ihr angesehen zu haben, dass sie sich wirklich freut auf die Zeit danach.

Stand: 03.12.2021, 13:10