Kommentar: Ein Tag ohne Wikipedia

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Kommentar: Ein Tag ohne Wikipedia

Von Irene Geuer

Na, haben Sie gestern das Suchen nach Wissenswertem auch auf heute verschoben? Gestern hatte ja Wikipedia – das große Internetlexikon – seine Seiten abgeschaltet, um gegen die geplante EU-Urheberrechtsreform zu protestieren. Am 26. März wird die Reform Thema im EU-Parlament sein. Aber darum geht es Irene Geuer in ihrem Kommentar gar nicht. Sie hat gestern durch ein wikipedialoses Internet erfahren, was in einem Regal nicht fehlen sollte.

Kommentar: Ein Tag ohne Wikipedia

WDR 4 Zur Sache 22.03.2019 02:02 Min. WDR 4

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Meine Tochter gestern: "Hömma, Mama, die Mitose, ist die nicht … " Mitose… da war doch was. Biologie. Aus einer versteckten Ecke meiner Hirnwindungen ploppt nach einer kleinen Weile das Wort "Zellteilung" auf. Ich will gerade bei Wikipedia mal einen Überblick bekommen, da wird mir schwarz vor Augen. Wikipedia – abgeschaltet. Stimmt ja. Kind, frag mich morgen. Da schreiben wir aber die Arbeit …

Auweia. Und ich bin nicht die einzige, die gestern aufgeschmissen war, aufgeflogen mit Wissenslücken, aufgewühlt durch die Frage: Ja und jetzt? Jeder zweite in Deutschland sucht bei Wikipedia, und nicht nur Begriffe für die Schule, sondern gerne auch Informationen zu den Lieblingsserien im Fernsehen oder das, was man einfach mal so wissen will.

Ich hätte die Mitose auf anderen Seiten im Netz suchen können, aber es trieb mich gestern ins Wohnzimmer hin zum Bücherregal. Und da fand ich doch glatt meinen alten Linder. Mein Biologiebuch aus der Schulzeit. Wir mussten es damals selbst kaufen, was meine Eltern geärgert hat, von wegen Bildung ist kostenfrei, aber gestern wusste ich, das hatte einen Sinn gehabt, ich fand die Seiten, auf denen ich damals das Wichtigste unterstrichen hatte.

Ach, wundert sich meine Tochter, ihr hattet früher schon Textmarker. Ja, und wir haben auch schon in Steinhäusern gewohnt, darf es wahr sein? Heute werde ich zum Gegenschlag ausholen. Der Textmarker wurde bereits 1952 erfunden und damals Zauberstift genannt. Wikipedia ist wieder da. Wunderbar!

Aber, es bleibt doch eine Nachdenklichkeit zurück. Wie abhängig wir doch vom Wissen im Internet geworden sind. Stelle man sich mal vor, wir hätten einen längeren Stromausfall, was ja passieren kann, erinnern wir uns noch an das Münsterland 2005, als die Strommasten durch nassen Schnee abknickten, wir wären aufgeschmissen.

Zu sehr sollten wir also der digitalen Welt noch nicht trauen und ein Backup zu Hause haben. Auf Papier, mit Bindung und Einband. Das Buch, auf Lateinisch "liber", was auch frei, ungehindert, unbeschränkt bedeutet. Wie wahr!

Stand: 22.03.2019, 13:10