Kommentar: Weniger ist das neue mehr

Trinkhalme aus Plastik

Kommentar: Weniger ist das neue mehr

Von Jörg Brunsmann

Haben Sie es schon mitbekommen? Im Moment läuft überall die große "Wir wollen weniger"-Aktion. Bei Autos zum Beispiel: Die EU hat beschlossen, dass Neuwagen in Zukunft deutlich weniger vom klimaschädlichen CO2 ausstoßen dürfen. Oder beim Plastik. Auch ein EU-Beschluss: Wegwerfplastik wie Strohhalme, Wattestäbchen und Co. soll es bald nicht mehr geben. Oder bei Lebensmitteln; Bundesernährungsministerin Klöckner hat sich mit der Industrie geeinigt; die will künftig weniger Salz, Fett und Zucker in die Fertigprodukte packen. Klingt erstmal vernünftig. Wird aber wahrscheinlich so nicht funktionieren.

Kommentar: Weniger ist mehr

WDR 4 Zur Sache | 19.12.2018 | 01:24 Min.

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Weniger klimaschädliches CO2 rauspusten und trotzdem Auto fahren? Ist doch ganz einfach. Erinnern Sie sich noch an die "Drei-Liter-Autos"? Es ist mehr als zehn Jahre her, da galten die mal als modern. Kleine, wenige Autos, die mit gerade mal gut drei Litern auf 100 Kilometer auskommen. Und die damit die neuen EU-Regeln bequem einhalten könnten. Denn wer weniger verbraucht, produziert auch weniger CO2.

Aber ich kann mir schon denken, warum die Autoindustrie sich so über die neuen Regeln aufregt. Weil sie uns viel lieber weiter die dicken SUVs verkaufen will. Wir werden wahrscheinlich brav mitspielen. Und kaufen statt kleinerer Wagen lieber dicke Elektro-Autos, die natürlich noch mal teurer sein werden als die jetzigen Modelle.

Beim Plastikmüll im Grunde das Gleiche in Grün. Ich weiß noch, dass Wattestäbchen oder die Stiele von Lutschern früher aus Papier waren. Das war der Standard; Plastik kam erst später. Und jetzt, wo die EU auch da mit Verboten ankommt? Geht es wieder zurück zum Papier. Das sind jetzt aber natürlich die "Premium"-Produkte.

Wie man uns das Weniger als mehr verkauft – und dafür noch extra Geld aus der Tasche zieht; keiner kann das besser als die Lebensmittelindustrie. Seit Jahren gibt es zum Beispiel Produkte mit weniger Zucker, die dafür aber mehr kosten.

Traurig eigentlich nur, wie wir uns immer wieder hinters Licht führen lassen. Dabei wäre die Sache so einfach: Einen Gang zurückschalten und sich nicht für dumm verkaufen lassen.
Früher lief das mal unter dem Stichwort "Vernunft". Aber das ist ja mittlerweile uncool.

Stand: 19.12.2018, 00:00