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Kommentar: Warum der neue Bußgeldkatalog bleiben muss

Polizist stoppt Autofahrer

Kommentar: Warum der neue Bußgeldkatalog bleiben muss

Von Stephan Karkowsky

Seit April gilt in Deutschland ein schärferer Bußgeldkatalog für Raser und Falschparker. Doch kaum war der veröffentlicht, ruderte Bundesverkehrsminister Scheuer zurück: Die höheren Strafen seien übertrieben! Jetzt kündigte Scheuer den Landesverkehrsministern an, wieder zu den alten Strafen zurück-kehren zu wollen. Stephan Karkowsky macht dazu ein überraschendes Geständnis:

Kommentar: Warum der neue Bußgeldkatalog bleiben muss

WDR 4 Zur Sache 01.07.2020 02:07 Min. Verfügbar bis 01.07.2021 WDR 4 Von Stephan Karkowsky

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Ich gebe zu: Ich bin ein Raser! Also das, was ein Grüner gemeinhin darunter versteht. Auf Deutsch: Ich fahre gern schnell Auto! Wo man es darf und kann. Ich bin keiner von denen, die mit Lichthupe aggressiv andere von der linken Spur scheuchen. Ich halte den Mindestabstand ein, und ich habe Geduld mit Sonntagsfahrern. Fast 40 Jahre Fahrerfahrung und kein Punkt in Flensburg.

Mein Auto käme auch mit acht Litern von A nach B. Aber wenn ich Spaß haben will, verbraucht es elf. Das ist es mir wert. Sie dürfen das kindisch finden. Dumm sogar. Mindestens unsympathisch. Auf jeden Fall rücksichtslos gegenüber der Umwelt und dem Klimaschutz. Bei nur 5000 Kilometern im Jahr hält sich mein schlechtes Gewissen in Grenzen. Solange mir niemand verbietet, meinen Spaß am Fahren auf Straßen ohne Tempolimit auszuleben, werde ich das tun.

Als der neue Bußgeldkatalog in Kraft trat, hat sich nicht mein Spritverbrauch geändert. Sondern meine Aufmerksamkeit gegenüber Verkehrsschildern. Und das ist gut so. Denn selbst Menschen, die sich gern an Regeln halten, sind nicht immer so aufmerksam, wie sie sollten. Seitdem ich meinen Führerschein verlieren könnte schon bei 21 Kilometern zu viel innerorts und 26 zu viel außer Orts vermute ich hinter jeder Kurve einen Blitzer. Und fahre tatsächlich langsamer. Es wirkt also. Und ich finde das völlig in Ordnung.

Ich fühle mich weder in meiner Freiheit beraubt, noch halte ich schärfere Strafen für Unsinn. Im Vergleich zu anderen Ländern sind unsere Bußgelder doch ein Witz! 20 Kilometer zu viel kosten in Norwegen 375 Euro. In der Schweiz heißt 50 Kilometer zu viel 60 Tagessätze Strafe. Wenn Verkehrsminister Scheuer nun die neuen Strafen wieder rückgängig machen will, knickt er einmal mehr ein vor der mächtigen Autolobby.

Womöglich haben Sie Vorurteile gegen Schnellfahrer wie mich. Aber wir sind nicht alle Gesetzesbrecher. Ich glaube, die meisten von uns sind schon glücklich, wenn sie ihre Lust an der Geschwindigkeit im Rahmen der geltenden Gesetze ausleben dürfen. Mit voller Verantwortung für andere Verkehrsteilnehmer. Und solange wir dürfen.

Stand: 01.07.2020, 13:10