Kommentar: Streiken während Corona

Streiken während Corona

Kommentar: Streiken während Corona

Von Irene Geuer

Heute wieder Warnstreiks im Öffentlichen Dienst. In Düsseldorf und Mönchengladbach zum Beispiel in der Stadtverwaltung und in Kliniken. Auch in Herne, Lünen oder in Viersen wird die Arbeit niedergelegt. Es geht um 4,8 Prozent mehr Lohn und um Arbeitserleichterungen. Diese Forderungen der Gewerkschaft Verdi und auch die Warnstreiks finden längst nicht alle gut. Ganz nach dem Motto: Andere haben schon vor Wochen wegen Corona ihren Job verloren, da wollen die im Öffentlichen Dienst mehr Geld. Irene Geuer hat dazu einen Kommentar für Sie.

Kommentar: Streiken während Corona

WDR 4 Zur Sache 01.10.2020 01:52 Min. Verfügbar bis 01.10.2021 WDR 4 Von Irene Geuer

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Ja, es ist tatsächlich so, dass die einen gerade für mehr Geld und bessere Arbeitsbedingungen streiken und andere, zum Beispiel in Messebauunternehmen, mussten ihre Schreibtischschubladen ausräumen, weil ihr Arbeitsplatz futsch ist. Beides ist gerade Realität.

Vielleicht haben Sie auch zu denen gehört, die abends um 19 Uhr das Fenster aufgemacht haben, um laut zu klatschen. Für all die Pflegekräfte in Heimen und Krankenhäusern, die alles gegeben haben, um Coronakranken zu helfen. Das sind genau die Menschen, die jetzt mehr Lohn haben wollen. Und das doch zu Recht. Wir sprechen ja nicht erst in Coronazeiten von der miesen Bezahlung in Pflegeberufen, von Überstunden und Personalnot. Und mir erschließt sich auch nicht das Argument, dass andere im Öffentlichen Dienst nicht so viel tun, aber auch davon profitieren, wenn es mehr Geld geben sollte. Richtig. Aber, mal ehrlich, verdient der Busfahrer angemessen? Oder die Kindergärtnerin? Haben wir die auf dem Schirm, die für die Grundversorgung immer da sind, Wasserwerker, Elektriker? Wie viel ist uns die Arbeit eines Sozialarbeiters wert?

Gleichzeitig schildert uns ein LKW-Fahrer seine Situation. Auch er ist systemrelevant. Und das, genau wie die Krankenhausbeschäftigten, nicht nur in Corona-Zeiten. Sondern immer. Der LKW-Fahrer erzählt uns, dass er 200 Stunden im Monat arbeitet, damit wir immer gefüllte Supermarktregale haben. Denn heute findet Lagerhaltung auf der Straße statt. Im LKW, der just in time, wenn es gebraucht wird, mit der neuen Lieferung vor der Tür steht. "Wir leisten so viel, und trotzdem reicht das Geld vorne und hinten nicht," sagt er.

Ich kann gut verstehen, dass es Unmut über die Streiks im Öffentlichen Dienst gibt und viele sagen: Wie kann man nur gerade jetzt – in diesen so schwierigen Zeiten - solche Forderungen stellen! Okay, dann spielen wir es kurz durch: In Corona-Zeiten darf nicht gestreikt werden, um Rücksicht auf die zu nehmen, denen es noch schlechter geht. Und? Wem nützt das? Wird dadurch auch nur ein LKW-Fahrer besser bezahlt? Behält dadurch die Mitarbeiterin eines Messebauunternehmens ihren Job? Die Antwort überlasse ich Ihnen.

Stand: 01.10.2020, 12:33