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Kommentar: Verzeihen und Entschuldigen

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Olaf Scholz (SPD)

Kommentar: Verzeihen und Entschuldigen

Von Katja Schwiglewski

Das hat Seltenheitswert in der Politik: Bundeskanzlerin Merkel hat die Bürger um Verzeihung gebeten für die Kehrtwende in der Frage zusätzlicher Ruhetage vor Ostern. Gut gemeint, aber nicht gut gemacht, so beschreibt sie diesen Fehler. Das Corona-Hickhack kostet Vertrauen in der Bevölkerung, trotzdem erfährt die Kanzlerin auch Respekt für ihr öffentliches Eingeständnis.

Kommentar: Verzeihen und Entschuldigen

WDR 4 Zur Sache 25.03.2021 01:47 Min. Verfügbar bis 25.03.2022 WDR 4 Von Katja Schwiglewski


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Es gibt ein paar Missverständnisse rund ums Entschuldigen. So macht der Satz "Ich entschuldige mich" keinen Sinn. Niemand kann sich selbst entschuldigen, darum kann man nur bitten, so wie um Verzeihung. In beiden Fällen gibt es keine Garantie — und auch kein Anrecht — darauf, dass das Gegenüber einwilligt und sagt: Schwamm drüber. Gleichzeitig ist es möglich, jemandem zu verzeihen, ohne sein Fehlverhalten zu entschuldigen.

Verzeihen hat etwas Großmütiges, zutiefst Humanes. Es entlastet die Seele und wäscht sich doch von keiner Schuld rein. Dass die Kanzlerin ausdrücklich um "Verzeihung" und nicht um "Entschuldigung" gebeten hat, dass sie dieses große Wort benutzt hat, macht mich nachdenklich. Will sie uns sagen, dass es keine Entschuldigung gibt für das chaotische Regierungshandeln von Bund und Ländern? Dass wir den politisch Verantwortlichen trotzdem verzeihen sollen, weil es nur Menschen sind, die in ihrem ehrlichen Bemühen, das Richtige für unser Gemeinwohl zu tun, auch scheitern können, Fehler machen, Schwächen zeigen?

Das will ich gerne zugestehen — wenn sich die Fehler nicht weiter häufen. Aber Tatsache ist, dass das Krisenmanagement in der Pandemie kein leichter Job ist und ich finde, dass Merkels Bitte um Verzeihung weder anmaßend noch unglaubwürdig war. Da sind mir andere Entschuldigungsversuche dieser Tage wesentlich saurer aufgestoßen. Wenn sich der Kardinal aus Köln beispielsweise urplötzlich tief erschüttert zeigt, über den jahrzehntelangen Kindesmissbrauch unter dem Deckmantel der katholischen Kirche, dann kann ich mich damit nicht zufrieden geben. Man mag Merkel kritisieren, aber an ihrer Redlichkeit besteht für mich kein Zweifel.

Stand: 25.03.2021, 13:10