Müssen wir jetzt auch auf Verpackungen verzichten?

Prall gefüllter Mülleimer im Wald

Müssen wir jetzt auch auf Verpackungen verzichten?

Von Ferdinand Quante

In Köln geht heute die Anuga zu Ende, die weltgrößte Messe der Nahrungsmittelindustrie. Dort werden nicht nur kulinarische Köstlichkeiten und neueste Fast-Food-Trends präsentiert, es wird auch über Verpackungen für Lebensmittel diskutiert, weil nämlich die Verpackungsmüllberge Jahr um Jahr größer werden. Die Industrie hat für Pappe, Alu und Plastikfolien noch keine nennenswerten Alternativen zu bieten. Sind also wir, die Verbraucher, gefragt? Sollen wir weniger verpackte Lebensmittel kaufen? Ist Verzicht die Lösung?

Müssen wir jetzt auch auf Verpackungen verzichten?

WDR 4 Zur Sache 09.10.2019 02:25 Min. Verfügbar bis 08.10.2020 WDR 4

Download

Und wieder mal prallen Welten aufeinander. Im Supermarkt die Welt der zum Teil zwei- und dreifach verpackten Lebensmittel, und ein paar Straßen weiter eröffnet vielleicht gerade heute der nächste Unverpacktladen, wo man sich Milch, Gewürze, Shampoo, Reis, Nudeln und all so was in selbst mitgebrachte Behälter füllen lässt. Beim nächsten Einkauf tanzt man mit denselben Flaschen, verschließbaren Töpfchen und so weiter wieder an. Verpackungen, die zu Müll werden, gibt's also nicht.

Diese Unverpackt-Welt ist noch sehr klein, wächst aber, und das finden nicht alle gut. Erstens erscheint es ja nicht gerade praktisch, zig Behälter mitzuschleppen und sich 1000 Gramm Reis abwiegen und einfüllen zu lassen, wenn man die Sache auch mit einem schnellen Griff ins Supermarktregal erledigen kann. Zweitens ist ein tiefgekühltes Seelachsschlemmerfilet ohne doppelte Verpackung einfach nicht zu haben. Und drittens, heikelster Punkt: Man soll schon wieder einmal verzichten. Nicht fliegen, weniger Auto fahren, keine Kreuzfahrt machen, und Verpackungsmüll am besten auch nicht.

Verzichten ist ja immer dann relativ einfach, wenn man weiß, wofür es gut ist. Der religiöse Asket verzichtet für sein Seelenheil, der Mollige, um ein paar überflüssige Pfunde zu verlieren, aber Einkäufe im Supermarkt sein lassen, um die Welt zu retten? Das leuchtet nicht direkt ein, daran muss man schon glauben, und deshalb ist die ganze Umwelt- und Klimakatastrophendebatte ja gespalten in Gläubige, die zum Überleben der Menschheit einen eigenen Beitrag leisten wollen, und Ungläubige, die genau das für Quatsch halten.

Vielleicht hilft eine Zahl hier weiter: Rund 19 Millionen Tonnen, so viel Verpackungsmüll produzieren wir in Deutschland jährlich. Müll, der verbrannt wird, exportiert wird, teils im Meer landet. Ich glaube ja auch nicht, dass ich da groß was dran ändere, wenn ich ab sofort nur noch in Unverpacktläden gehe, bin auch noch nie dort gewesen. Aber 19 Millionen Tonnen Müll. Da kann man schon auf die Idee kommen, Lebensmittel in Pappschachteln plus Alu und Plastikfolie wenigstens ab und zu nicht zu kaufen. Was angesichts der Müllberge keine Frage des Glaubens ist, sondern der Vernunft.

Stand: 09.10.2019, 13:10