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Kommentar: Schützt die Tönnies-Whistleblowerin!

Tönnies-Werk

Kommentar: Schützt die Tönnies-Whistleblowerin!

Von Stephan Karkowsky

Im Juni machte ein Video die Runde, das die Zustände in der Tönnieskantine in Rheda-Wiedenbrück zeigte. Dicht gedrängt sitzen Mitarbeiter an den Tischen, ohne den Mindestabstand einzuhalten. Jetzt wurde bekannt: Der Mitarbeiterin, die das Video verbreitet hatte, wurde daraufhin fristlos gekündigt. Jetzt klagt sie dagegen vor dem Arbeitsgericht Bielefeld. WDR 4-Autor Stephan Karkowsky drückt ihr die Daumen:

Kommentar: Schützt die Tönnies-Whistleblowerin!

WDR 4 Zur Sache 02.07.2020 01:53 Min. Verfügbar bis 02.07.2021 WDR 4 Von Stephan Karkowsky

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Den Menschen im Kreis Gütersloh müssen die Ohren klingeln: Während das ganze Land Sommerferien hat, hat Gütersloh Corona – kein Kino, kein Fitness, keine Familientreffen. Weil beim Großschlachter Tönnies Abstands- und Hygieneregeln missachtet wurden. Mehr als 1500 Infizierte! 7000 Beschäftigte in Quarantäne! Aber Clemens Tönnies selbst ist weiter auf freiem Fuß.

Und ausgerechnet die Mitarbeiterin, die frühzeitig engagiert und beherzt die Zustände in der Tönnies-Kantine öffentlich machte, muss jetzt vor Gericht um ihren Arbeitsplatz kämpfen? Das darf doch wohl nicht wahr sein! Diese Frau hat einen Orden verdient und keine Kündigung!

Wenn jemand vor Gericht gehört, dann das Management. Wenn jemand gefeuert werden muss, dann sind es doch die Chefs dieser Firma und ihrer Subunternehmen, die jahrelang alle gesetzlichen Schlupflöcher ausgenutzt haben, um ihre Mitarbeiter mit Werksverträgen auszubeuten und zu entrechten.

Was für ein Fehlverhalten soll das denn sein, wenn eine einfache Mitarbeiterin beim Catering mehr Verantwortung für die Beschäftigten zeigt als die Chefetage? Sie hat sich Sorgen gemacht um ihre Kollegen. Sie hat diese Sorgen geäußert und Beweise gesammelt. Sie hat keine Geschäftsgeheimnisse aufgedeckt, sondern Deutschlands größten Coronaskandal.

Dabei sollte es auch keine Rolle spielen, ob sie das Video selbst gedreht oder nur verbreitet hat. Ob sie zuerst ihren Arbeitgeber informiert hat, oder gleich das Internet. Ob der Arbeitsschutz dem Kantinentreffen zugestimmt hat oder nicht. Oder wann genau das Video aufgenommen wurde. All das sind juristische Nebelkerzen, die die Whistleblowerin in ein schlechtes Licht rücken sollen.

Gerade Clemens Tönnies selbst, der sich als Chefaufklärer inszeniert, sollte seinen Kantinenbetreiber schleunigst zur Rücknahme der Kündigung bewegen. Wenn er es ernst meint mit seinem Versprechen einer neuen Unternehmens-kultur. Denn wenn Tönnies seine Subunternehmer nicht in die Pflicht nimmt, wird sich an den Zuständen in Rheda-Wiedenbrück so schnell nichts ändern.

Stand: 02.07.2020, 13:10