Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst – Wo ist die Solidarität geblieben?

Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst – Wo ist die Solidarität geblieben?

Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst – Wo ist die Solidarität geblieben?

Von Jörg Brunsmann

Kitas und Krankenhäuser, die Müllabfuhr, Ordnungsämter – in mehreren Bundesländern gibt es heute Warnstreiks im öffentlichen Dienst. Die Gewerkschaft ver.di lässt die Muskeln spielen. Und dabei dürfte es nicht bleiben. Den Gewerkschaft und Arbeitgeber sind so weit auseinander wie selten. Ver.di fordert eine Erhöhung der Löhne und Gehälter um 4,8 Prozent; die Arbeitgeber haben bis jetzt überhaupt kein Angebot gemacht. Mein Kollege Jörg Brunsmann hat in seinem Kommentar "Zur Sache" die Befürchtung: Auch das alles hat mit der Corona-Pandemie und ihre Folgen zu tun:

Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst – Wo ist die Solidarit

WDR 4 Zur Sache 22.09.2020 01:49 Min. Verfügbar bis 22.09.2021 WDR 4

Download

Also eins ist jetzt schon klar: Das wird keine normale Tarifrunde. Dass es schon am Anfang so hart zur Sache geht, dass Arbeitgeber und Gewerkschaften so heftig aufeinanderprallen – das habe ich bisher selten erlebt. Und ja, natürlich spielt auch hier Corona eine große Rolle.

Mein Eindruck war: In der Anfangszeit der Corona-Pandemie, also so im März und April, waren alle so erschrocken, dass wir näher zusammengerückt sind. Motto: Wenn wir zusammenhalten, kann uns das Virus nichts anhaben. Das galt im Großen und im Kleinen. Das waren die Regenbogenbilder an den Fenstern, das war das abendliche Beifall-Klatschen für Krankenpfleger oder Ärztinnen. Und das war auch der Bonus fürs Pflegepersonal. Wobei da - als es ums Geld ging - ja auch schon ganz schön viel gefeilscht und geguckt wurde.

Der alte Spruch: "Beim Geld hört die Freundschaft auf" gilt eben doch immer noch – und jetzt merken wir das wieder so richtig. Mit der großen Corona-Solidarität ist es vorbei. Und promt prallen wieder die großen Gegensätze aufeinander. Gewerkschaften und Arbeitgeber, Kita- Eltern und Erzieher, Gesundheitspolitiker, die große Feiern verbieten und diejenigen, die mal wieder richtig Party machen wollen.

Ja, es zerrt auch an den Nerven, dass man das Thema Corona noch immer nicht zu den Akten legen kann. Im Gegenteil, die Zahlen steigen ja sogar wieder. Aber dass jetzt einzelne Gruppen – Arbeitgeber, Gewerkschaften, Politiker – die Lage nutzen, um ihre ganz eigenen Interessen durchzusetzen, das kann auch nicht sein.

Ich hoffe, dass Gewerkschaften und Arbeitgeber im öffentlichen Dienst jetzt nicht wie zwei wild gewordene Stiere aufeinander zurennen. Sondern sich an das Frühjahr und die große Solidarität in dieser Zeit erinnern. Wenn wir aus dieser Zeit etwas mitnehmen sollten, dann genau das: Nur wenn zwei sich in der Mitte treffen, ist der Weg für jeden der beiden der Kürzeste.

Stand: 22.09.2020, 13:10