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Kommentar: Tarifflucht – wie viel kriegt eigentlich die Verkäuferin?

Ein Mitarbeiterin in einem Supermarkt sitzt hinter einer Plexiglasscheibe, einem sogenannten "Spuckschutz", an der Kasse

Kommentar: Tarifflucht – wie viel kriegt eigentlich die Verkäuferin?

Von Ferdinand Quante

Der 1. Mai, der Tag der Arbeit, steht vor der Tür und passend dazu hat der nordrhein-westfälische Arbeitsminister Karl-Josef Laumann uns, die Verbraucher, aufgerufen, etwas für die besonders schlecht bezahlten Beschäftigten im Einzelhandel zu tun. Nicht dass Laumann direkt zu einem Boykott der Unternehmen, die keine Tariflöhne bezahlen, aufgerufen hätte, aber miese Löhne sollten wir bei unseren Kaufentscheidungen schon im Auge haben. Fragt sich nur, wie das funktionieren soll.

Kommentar: Tarifflucht – wie viel kriegt eigentlich die Verkäuferin?

WDR 4 Zur Sache 30.04.2021 01:39 Min. Verfügbar bis 30.04.2022 WDR 4 Von Ferdinand Quante


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Beim Kotelett weiß ich gleich Bescheid. Auf der Verpackung steht, wie das Tier, von dem es stammt, gehalten wurde. Die Skala reicht von eins bis vier, von verdammt mies bis ziemlich gut. An der Kühltheke bin ich also im Bilde, an der Ladenkasse aber nicht. Wenn die Verkäuferin – und meistens sind’s ja Frauen – die Kotelettpackung über den Scanner zieht, find ich keinen Hinweis, wie diese Verkäuferin bezahlt wird. Nach Tarif, knapp darunter oder kriegt sie gerade mal Mindestlohn?

Ehrlich gesagt, hab ich mir diese Frage an einer Ladenkasse noch nie gestellt. Aber jetzt hat Karl-Josef Laumann, Nordrhein-Westfalens Arbeitsminister, ja an uns Verbraucher appelliert, solidarisch zu sein. Solidarisch mit den Angestellten, die keinen Tariflohn bekommen. Jetzt kann man meinen, dass auch der nicht gerade üppig ist, aber immer mehr Beschäftigte kriegen nicht einmal den.

Viele Unternehmen flüchten nämlich aus dem Tarif, nur noch jeder fünfte Einzelhändler im Lande zahlt dementsprechend. Kann man da nichts machen?

Kann man schon, sagt Laumann. Wir, die Verbraucher, sollten uns gut überlegen, wo wir bestellen. Auch wenn der Arbeitsminister keinen Namen nennt, meint er natürlich vor allem Amazon, wo 16.000 Beschäftigte untertariflich bezahlt werden.

Nur noch da kaufen, wo’s faire Löhne gibt, ist eine gute Idee, die freilich nur funktioniert, wenn wir – gerade so wie beim Kotelett an der Kühltheke – im Bilde sind. Wie wär’s also mit einem Hinweisschild an jedem Laden und auf jeder Bestellseite im Internet: Hier wird nach Tarif bezahlt. Und hier nicht.

Dann hätten wir die Wahl.

Stand: 30.04.2021, 13:10