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Kommentar: Auf der Suche nach dem guten Fleisch

Halbe Schweine hängen in einem Schlachthof an Haken

Kommentar: Auf der Suche nach dem guten Fleisch

Von Jörg Brunsmann

Seit heute also haben die Schlachtungen bei Tönnies in Rheda-Wiedenbrück wieder begonnen. 6.000 Schweine sollen es heute werden. Und das ist deutlich weniger als vor der Corona-Pause. Auch wenn ja lange bekannt ist, welche Größe die Fleisch-Industrie in Deutschland hat, WDR 4-Autor Jörg Brunsmann findet das trotzdem erschreckend. Und fragt sich: Wollen wir Käufer eigentlich überhaupt was daran ändern?

Kommentar: Auf der Suche nach guten Fleisch

WDR 4 Zur Sache 16.07.2020 02:03 Min. Verfügbar bis 16.07.2021 WDR 4 Von Jörg Brunsmann


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Wenn mir die Sache mit Tönnies eines genommen hat, dann meine letzten Illusionen zum Thema Landwirtschaft. Dass die Bilder auf den Schnitzelverpackungen, diese idyllischen Bauernhöfe, vor denen sich Hase und Igel "Gute Nacht" sagen, dass diese Bilder reines Marketing sind, das ist wohl allen klar. Genauso wie die Leuchtreklame auf dem Tönnies-Gebäude, wo Stier, Kuh und Schwein, zu putzigen Comicfiguren degradiert, lächelnd in die Wurst laufen.

Nein, tun sie natürlich nicht. Wie knallhart dieses Geschäft in Wirklichkeit ist, das konnte man jetzt, während der Corona-Pause, beobachten. Dass die Landwirte ganz schnell Probleme bekommen, weil die "just in time" produzierten Schweine bei einem höheren Gewicht nicht mehr durch die Schlacht-Maschinen passen. Und auch, dass die Werksarbeiter ganz ohne Job natürlich noch schlechter dastehen als mit dem, was Tönnies ihnen bietet. Es ist eine Industrie, bis ins Letzte fein abgestimmt und mit einem klaren Ziel: Billiges Fleisch in Massen – zum Nutzen Weniger, die daran gut verdienen. Warum machen wir als Käufer da eigentlich mit? Weil Marketing funktioniert. Dem Billig-T-Shirt sieht man nicht an, wieviel Not und Elend in seiner Produktion stecken, genauso wenig wie dem Nackensteak für vier Euro das Kilo. Ja, wir können es uns denken, dass das so ist. Aber auch jeder von uns ist ein Meister im Verdrängen. Das billige Fleisch schont die Haushaltskasse und am Ende ist einem das eigene Portemonnaie dann doch näher als die Industrie-Schweine.

Wer es sich leisten will, daran etwas zu ändern, wird schnell feststellen: Die Zeit dafür wird knapp. Es gibt immer weniger Handwerks-Metzgereien, die nicht alles und jeden in ihrem Umfeld zum armen Schwein machen. Ein Beispiel: Vor 15 Jahren, als wir in unsere jetzige Wohnung gezogen sind, gab es in der Straße nebenan drei Metzgereien. Heute keine einzige mehr.

Will ich aufs Schnitzel verzichten? Nein. Will ich mehr Geld bezahlen und einmal pro Woche mit dem Auto zur weit entfernten Bio-Metzgerei fahren? Eigentlich auch nicht. Aber wenn nicht jetzt, wann denn dann? Wenn die letzte erreichbare Handwerks-Metzgerei dicht gemacht hat, kann ich mich beklagen – aber anders machen geht dann nicht mehr.

Stand: 16.07.2020, 13:10