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Kommentar: Besser Sperrstunden als Ausgangssperren

Besser Sperrstunden als Ausgangssperren

Kommentar: Besser Sperrstunden als Ausgangssperren

Von Stephan Karkowsky

In mehreren Städten Nordrhein-Westfalens gilt ab heute eine Sperrstunde. In Köln, Leverkusen und Hamm müssen Restaruants und Kneipen ab Mitternacht oder 1 Uhr schließen. In Düsseldorf schon seit Montag. Das ist ein harter Schlag für die Gastronomie. Und auch für die Partyszene. Die ehemalige Nacht-Eule Stephan Karkowsky hält die Sperrstunden dennoch für richtig:

Kommentar: Besser Sperrstunden als Ausgangssperren

WDR 4 Zur Sache 14.10.2020 02:01 Min. Verfügbar bis 14.10.2021 WDR 4


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Meine Mutter ist Jahrgang 1930 und für sie hat das Wort Sperrstunde noch eine ganz andere Bedeutung. Nämlich: Die Ausgangssperren im Krieg und die Pflicht, die Wohnung zu verdunkeln gegen die Luftangriffe der Alliierten. Jetzt also eine Sperrstunde gegen Virenangriffe.

Liberale Karnevalshochburgen wie Köln hatten als Sperrstündchen bislang nur ein Feigenblatt von 5 bis 6 Uhr morgens. Ich erinnere mich gut an Technoparties Anfang der Neunziger, wo wir diese Stunde Sonntagsfrüh rauchend vor den Clubs standen und um 6 wieder reindurften. Ich ahne also, wie es den Nachteulen von heute so geht, wenn Köln, Düsseldorf, Aachen und andere Städte eine echte Sperrstunde einführen.

Nachts unterwegs zu sein, durch Clubs und Kneipen zu ziehen, hat etwas aufregend subversives. Die Konventionen des Tages greifen nicht mehr. Die Gefahr, betrunken oder bekifft einem Lehrer, Verwandten oder Nachbarn zu begegnen, ist gleich null. Der Zauber der Nacht enthemmt und bietet Freiheit. Die Regeln des Tages lösen sich auf. Gerade deshalb sind die neuen Sperrstunden so wichtig.

Denn die gezielten Regelverstöße sind es doch erst, die das nächtliche Ausgehen für Jüngere so attraktiv macht. Endlich tun und lassen, was man will, ohne dass Eltern oder Chefs davon erfahren. Wer glaubt, in der Nacht lassen sich Abstandsregeln und Maskengebote durchsetzen, Händewaschen gar oder Kontaktbeschränkungen, der glaubt auch an den Erfolg eines alkoholfreien Oktoberfestes.

Dennoch müssen einem Kneipenwirte, Clubbesitzer und nun auch Büdchenbetreiber leid tun. Denn was wir Älteren schnell vergessen, ist, dass das Leben nicht nach den Tagesthemen endet. Für viele geht es da erst richtig los. Die Umsätze in Trinkhallen und Kneipen sollen, auch mich hat das überrascht, nach 23 Uhr erst so richtig ansteigen.

Wenn die Sperrstunden die Ansteckungszahlen wirksam eindämmen, gut. Wenn nicht: Dann muss die Politik sich eben was Neues ausdenken. Und ich fürchte, dann wird es nicht mehr nur um Sperrstunden gehen. Sondern um Ausgangssperren. So wie früher.

Stand: 14.10.2020, 13:10