Live hören
Jetzt läuft: Baby Jane von Rod Stewart

Kommentar: Die heilsame Wirkung des Spaziergangs

Die heilsame Wirkung des Spaziergangs

Kommentar: Die heilsame Wirkung des Spaziergangs

Von Katja Schwiglewski

Zu den wenigen erfreulichen Entwicklungen während der Pandemie gehört, dass viele Menschen wieder mehr spazieren gehen. Was will man auch anderes machen im Lockdown? Aber so ein Spaziergang ist mehr als eine Notlösung: Wer zu Fuß geht, nimmt die Umgebung intensiver wahr, bekommt den Kopf frei und tut eine Menge für die Gesundheit. Dazu Katja Schwiglewski.

Kommentar: Die heilsame Wirkung des Spaziergangs

WDR 4 Zur Sache 20.01.2021 02:05 Min. Verfügbar bis 20.01.2022 WDR 4


Download

"Das Sitzfleisch ist die eigentliche Sünde der Menschheit", hat der Philosoph Friedrich Nietzsche gesagt. Er meint, sich nicht zu bewegen, macht auch den Geist träge. Viele Dichter und Denker waren leidenschaftliche Spaziergänger, berühmte Künstler und Koryphäen aus der Naturwissenschaft, Einstein und Beethoven zum Beispiel. Der Aufklärer Rousseau konnte überhaupt nur im Gehen denken: "Sobald ich stehen bleibe, denke ich nicht mehr, mein Kopf arbeitet nur mit den Füßen gleichzeitig."

Den Zusammenhang zwischen Fuß und Kopf hat die Hirnforschung bestätigt. Der Teil des Gehirns, der für das Gedächtnis und Lernen zuständig ist, wird durch den gleichmäßigen, langsamen Rhythmus des Gehens stimuliert. Aber nicht nur fürs Köpfchen sind regelmäßige Spaziergänge ein Segen. Auch unser viel zu viel herumsitzender Körper dankt es uns. Muskeln, Gelenke, Gleichgewichtssinn, Kreislauf und Stoffwechsel, praktisch kein Bereich, der nicht davon profitieren würde, wenn wir uns aufraffen. Man braucht gar keine Muckibude.

Dieses ganze Spazierengehen ist auf Dauer soooo langweilig, hat meine Freundin gestern Abend am Telefon gestöhnt. Alle Wege sind inzwischen gefühlt tausendmal gegangen. Ihr Mann und sie lassen das Auto stehen und pilgern mit dem Rucksack zum Supermarkt, nur um sich zur Bewegung zu zwingen. Wie tapfer. Aber wie freudlos.

Wie lässt sich der Spaß am Spaziergang in Corona-Zeiten erhalten? Einfach mal anders abzweigen beim nächsten Mal. Einen Umweg nehmen. Oder: Einen geraden Strich durch den Stadtplan ziehen und mit offenen Augen loslaufen. Wenn eine Hauswand kommt, immer rechts oder immer links. Die fremde Gegend in der eigenen Nachbarschaft bewusst wahrnehmen. Ich sehe mir gerne an, wie Menschen leben, wie sie ihre Vorgärten oder Fenster dekorieren. Unterschiedliche Baustile interessiert mich, Altes, Neues, Schräges, Schickes. Und wenn ich eine grüne Oase erreiche, atme ich durch und denke: So schlimm ist das doch gar nicht. Bald haben wir es geschafft.

Stand: 20.01.2021, 13:10