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Kommentar: Lasst mich mit Euren Handys in Ruhe!

Kind mit Smartphone

Kommentar: Lasst mich mit Euren Handys in Ruhe!

Von Stephan Karkowsky

Das Smartphone ist für viele Menschen unverzichtbarer Teil ihres Alltags geworden. Weil es immer mehr kann, wird es immer häufiger benutzt. Stephan Karkowsky findet es bedauerlich, dass das Smartphone dabei auch unsere Gesprächskultur verändert:

Kommentar: Lasst mich mit Euren Handys in Ruhe!

WDR 4 Zur Sache 14.01.2020 02:07 Min. Verfügbar bis 13.01.2021 WDR 4

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Es war einmal in einer Zeit, da trugen die Menschen ihr Gedächtnis noch im Kopf. Wenn einer einem anderen etwas erzählte, dann tat er dies mit Worten und Gesten. Oft mussten die Menschen ihre Fantasie bemühen, um der Geschichte zu folgen. Die Gespräche der Menschen waren anregend. Die Zeiten waren andere.

Heute habe ich einen Schwager, der trägt sein Gedächtnis in der Hand. Er ist in zahlreichen WhatsApp-Gruppen vernetzt und nutzt alle bekannten Messenger- und Emaildienste. Keine Sekunde vergeht ohne neue, dringende Nachrichten auf seinem Handy. Würde er die nicht jetzt sofort lesen, hören und beantworten, ginge die Welt unter. Ich bezweifle allerdings, dass er den Weltuntergang bemerken würde.

Denn Smartphoneautisten nehmen für gewöhnlich nur noch wahr, was auf ihrem Bildschirm passiert. Mit einem solchen Menschen ein Gespräch zu führen, ist wie mit einem Alkoholiker Wasser zu trinken: Er wird nervös und hibbelig. Hand sucht nach Handy. Jede Gedächtnisleistung wird vermieden. Stattdessen wird permanent das Internet zu Rate gezogen und das Google-Wissen als das eigene ausgegeben.

Selbst damit könnte ich leben. Nicht aber mit der Unsitte, dass mir Menschen ständig ihre Handybildschirme vor die Nase halten. Quasi als digitalen Teil ihrer Persönlichkeit. Um mir Fotos zu zeigen, Fakten zu beweisen, oder, schlimmer noch: Mir Filme vorzuspielen, Musik, Sprachnachrichten – meist verbunden mit den Worten: Das musst Du sehen (oder hören), geht ganz schnell, ist gleich zu ende. Genau wie meine Geduld.

Ich fühle mich von fremden Handybildschirmen belästigt wie früher die Enkel von Opas Diashow. Die auch nie enden wollte. Ich möchte gern selbst entscheiden, was ich mir anschaue oder anhöre und nicht mitten im Gespräch von meinem Gegenüber dazu genötigt werden. Aber sagen Sie mal in einem höflichen Ton: Könntest Du bitte für die Dauer unserer Unterhaltung auf das Smartphone verzichten? Oh! Sie glauben gar nicht, wie tödlich beleidigt manche darauf reagieren.

Oft erzählen sie mir dann von Menschen, die sie kennen, die noch viel, viel süchtiger sind nach ihren Handys: "Der hier zum Beispiel, guck mal – ist das nicht ein tolles Foto?"

Stand: 14.01.2020, 13:10