Kommentar: Nie eine Bagatelle – Sexuelle Übergriffe

Symbolbild: Beine von Frauen, die an einem Straßenumzug zum Karneval der Kulturen teilnehmen

Kommentar: Nie eine Bagatelle – Sexuelle Übergriffe

Von Katja Schwiglewski

Auch in der Karnevalszeit sind Grapschen und andere sexuelle Belästigungen und Übergriffe kein Kavaliersdelikt. Das ist die Botschaft einer Protestkundgebung vor dem Kölner Amts- und Landgericht. Anlass der Demonstration ist die Einstellung eines Verfahrens gegen einen mutmaßlichen Grapscher. Der Mann soll einer Frau am 11.11. auf einer Rolltreppe unter den Rock gefasst haben.

Kommentar: Nie eine Bagatelle – Sexuelle Übergriffe

WDR 4 Zur Sache 19.02.2020 01:52 Min. Verfügbar bis 18.02.2021 WDR 4 Von Katja Schwiglewski

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Natürlich kann ich mir in dem konkreten Fall aus Köln kein Urteil erlauben. Ich war nicht dabei. Die Frau sagt, der Mann habe sie am Hintern berührt. Der Mann streitet die Vorwürfe ab. Was mich stutzig macht, ist die Tatsache, dass der Beschuldigte nicht aus Mangel an Beweisen freigesprochen wurde. Dass es offenbar nicht um das Prinzip "im Zweifel für den Angeklagten" ging, das dann immer greift, wenn Aussage gegen Aussage steht und die Indizien nicht ausreichen. Das Verfahren gegen den mutmaßlichen Rolltreppen-Grapscher wurde wegen Geringfügigkeit eingestellt, und das auch noch unter Verweis auf den Karnevalsauftakt am 11.11. Wie jetzt? Im Ernst?

Ich möchte es deutlich formulieren: Meiner Meinung nach ist es eine Ungeheuerlichkeit, den Griff eines Unbekannten an den Po einer Frau, die vor ihm auf der Rolltreppe steht, als geringfügig einzustufen. Unter den Rock zu fassen, ist eindeutig eine sexuelle Grenzüberschreitung. Sich aus dem Hinterhalt derart dreist zu nähern, ist unverschämt und auch bedrohlich. Ein solches Verhalten macht Angst. Intime Körperbereiche sind absolut tabu für Fremde. Niemand möchte im Einkaufszentrum, in der Bahn, auf der Straße überfallartig im Schritt oder am Busen angefasst werden.

Um sexuelle Gewalt gegen Frauen einzudämmen, muss es klare Grenzen geben. Ein bisschen Grapschen ist nicht okay, auch nicht an Karneval, wo Alkohol und sexuelle Freizügigkeit für viele dazugehören. Frauen sind kein Freiwild. Frauen sind keine Objekte, über die Männer verfügen können. Eigentlich unfassbar, darüber im Jahr 2020 überhaupt noch reden zu müssen. Für alle, die latent genervt von der MeToo-Debatte, gerade jetzt vor den tollen Tagen, einen gewissen Widerspruch in sich verspüren: Ja, Flirten ist etwas Schönes. Aber sexuelle Belästigungen und Übergriffe sind schäbig. Deshalb null Toleranz für Leute, die den Unterschied ignorieren.

Stand: 19.02.2020, 13:10