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Kommentar: Härtere Gesetze allein schützen die Kinder nicht

Symbolbild für sexualisierte Gewalt: Dargestellt durch den Schatten zweier Personen

Kommentar: Härtere Gesetze allein schützen die Kinder nicht

Von Ferdinand Quante

Vor knapp zwei Jahren wurde öffentlich, was auf einem Campingplatz im nordrhein-westfälischen Lüdge geschehen war: Tausendfacher sexueller Missbrauch von Mädchen und Jungen. Der sogenannte Missbrauchskomplex von Bergisch Gladbach hatte dann eine noch größere Dimension mit einer Flut von kinderpornografischen Bildern. Aus Münster wurde später ein ganz ähnliches Verbrechen gemeldet. Die Politik reagierte. Zunächst durch den Einsatz polizeilicher Sonderheiten, jetzt auch durch Strafverschärfung, geregelt im neuen Gesetz zur sexuellen Gewalt gegen Kinder.

Kommentar: Härtere Gesetze allein schützen die Kinder nicht

WDR 4 Zur Sache 22.10.2020 02:18 Min. Verfügbar bis 22.10.2021 WDR 4 Von Ferdinand Quante


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Natürlich war das im Gesetzbuch falsch einsortiert. Kindesmissbrauch bloß ein Vergehen? Jetzt wird es als Verbrechen gewertet, und dieses Verbrechen ist jetzt auch richtig benannt: Als sexuelle Gewalt gegen Kinder. Missbrauch klingt ja so, als hätte man Kinder bloß auf verkehrte Art und Weise gebraucht, und Kinder überhaupt als Gebrauchsgegenstände zu begreifen, ist sowieso völlig daneben.

Dass sexuelle Gewalt gegen Kinder härter als zuvor bestraft wird, finde ich grundsätzlich richtig, wobei es ja nicht darum geht, dass die Täter und auch Täterinnen im Knast möglichst lange leiden. Haftstrafen sind kein Rachefeldzug, auch dann nicht, wenn es um ein so abscheuliches Verbrechen geht, wie sexuelle Gewalt gegen Kinder es nun einmal ist. Sicher, der Schuldige muss durch Freiheitsentzug büßen, aber die Strafe hat auch vor allem den Sinn, den andern da draußen zu zeigen, was passiert, wenn sie sich ebenso schuldig machen.

Strafvollzug ist auch Abschreckung. Aber die funktioniert nur, wenn der Täter überhaupt fürchten muss, entdeckt zu werden. Und dieses Risiko war jahre- und jahrzehntelang extrem gering. Da blieb sexuelle Gewalt gegen Kinder fast immer im Dunkeln, verborgen hinter Hausfassaden, mit Tabu belegt und zum Schweigen gebracht.

Ich weiß nicht, ob ich das digitale Netz preisen oder verfluchen soll. Verfluchen dafür, dass es den Austausch von Bildern sexuell gequälter Kinder so schnell und einfach macht. Oder preisen, weil die Täter darin sichtbare Spuren hinterlassen. Das Risiko, erkannt und gefasst zu werden, ist gestiegen und muss weiter gesteigert werden.

Aber der Austausch von kinderpornografischen Bildern ist ja nicht alles. Es gibt auch sexuelle Gewalt, die nicht anschließend im Bild erscheint, die kein Polizeicomputer erfasst. Sie wird erst richtig sichtbar werden, wenn Kinder, die diese Gewalt erfahren haben, frei darüber sprechen können. Wenn sie in Kitas und Schulen Gehör finden bei Erzieherinnen und Erziehern, die die Zeichen solcher Gewalt erkennen.

Stand: 22.10.2020, 13:10