Kommentar: Schöne neue Bücherwelt

Frankfurter Buchmesse eröffnet

Kommentar: Schöne neue Bücherwelt

Von Irene Geuer

Sie ist wieder da: Die Frankfurter Buchmesse – international wie immer, aber Corona-bedingt mit weniger Ausstellern und weniger Besuchern. Gestern Abend feierlich eröffnet. Bis Sonntag wird der neueste Lesestoff präsentiert. Und die Kulturstaatssekretärin Monika Grütters hat etwas Wahres gesagt: In den vergangenen anderthalb Jahren war Lesestoff noch mehr als sonst Seelennahrung. Bücher sind noch mehr, sagt Irene Geuer.

Kommentar: Schöne neue Bücherwelt

WDR 4 Zur Sache 20.10.2021 01:52 Min. Verfügbar bis 20.10.2022 WDR 4 Von Irene Geuer


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Bücher sind einfach wunderbar, wenn sie zu einem passen. Bücher sind wie Kleidungsstücke, sind sie zu groß, fühlen wir uns zu klein. Mir ist es so gegangen, als ich das neueste Buch einer Nobelpreisträgerin las. Ich habe es nicht verstanden, so eine schwere Kost. Ich war tapfer und es war eine Erfahrung, sich da durchzubeißen. Und doch: Ich will es nicht mehr. Auch nicht aus Repräsentationsgründen im Regal für Besuch. "Oh, Du liest Nobelpreisträger, toll…". Brauche ich nicht.

Denn auch bei aller Liebe für Bücher, die mir neue Welten eröffnet haben, die mich zum Lachen brachten oder vor lauter Spannung die Haare zu Berge stehen ließen: Die Dinger sind Staubfänger. Diese Mordsarbeit: Alle paar Monate mit dem Staubsauger bewaffnet, Einbände und Seiten entstauben. Und doch ist mir das lieber als ein E-Book zu lesen. Ich weiß, die sind handlich leicht, nehmen im Urlaubskoffer kaum Platz weg, ja. Aber sie haben keine Seele, keinen Knick in der Seite, keinen kleinen Kaffeefleck, keinen Besitzernamen im Deckel. Und sie eignen sich überhaupt nicht für diese neuen Bücherschränke, die überall aufgestellt wurden und werden.

Wahrscheinlich finden Buchhändlerinnen und Händler diese neue Art der Weitergabe nicht so toll. Ich bin begeistert. Auf dem kleinen Platz an der Grundschule steht einer, bei uns im Supermarkt und auch im Park habe ich einen gesehen. Die Leute stellen ihr Gelesenes hinein, andere holen sich das, was sie interessiert. Die Redakteurin dieser Sendung erzählte mir, dass eine Freundin vorhat, einen Bücherschrank in ihrem Vorgarten aufzustellen. Ihr Mann müsse nur noch das Fundament gießen. Und sie freut sich auf den Kontakt mit Menschen. Und auf öffentlich zugänglichen Plätzen eine 24-Stunden-Bibliothek. Keine Stadtbücherei vermag das zu leisten. Und ich werde meine Nobelpreisträgerin dort hinbringen. In der Hoffnung, jemand liest sie, dem die schwere Kost gerade recht kommt.

Stand: 20.10.2021, 13:10