Kommentar: Schändliches Ende einer Präsidentschaft

Ein Demonstrant schreit im Inneren des US-Kapitols, nachdem Anhänger von US-Präsident Donald Trump das Gebäude gestürmt hatten, in dem die Abgeordneten den Sieg des designierten Präsidenten Joe Biden bei der Wahl im November bestätigen sollten.

Kommentar: Schändliches Ende einer Präsidentschaft

Von Katja Schwiglewski

Der wachsende Druck aus den eigenen Reihen hat den scheidenden US-Präsidenten Donald Trump dazu gebracht, die Erstürmung des Kapitols durch seine Anhänger doch noch öffentlich zu verurteilen.
In einer Videobotschaft spricht Trump von Gewalt, Gesetzlosigkeit und Chaos. Wie alle Amerikaner sei er "empört" darüber. Nun sei Zeit für "Heilung und Versöhnung".

Kommentar: Schändliches Ende einer Präsidentschaft

WDR 4 Zur Sache 08.01.2021 01:58 Min. Verfügbar bis 08.01.2022 WDR 4 Von Katja Schwiglewski


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Die Worte "Heilung und Versöhnung" sollte Donald Trump besser nicht in den Mund nehmen. Kein anderer US-Präsident der neueren Zeit hat das Land tiefer gespalten als er. Hat ständig Öl ins Feuer gegossen, die Enttäuschten und Wütenden aufgestachelt, Andersdenkende diffamiert, die Wahrheit verdreht und hartnäckig hanebüchene Lügen verbreitet.

Die Märchen von der gestohlenen Wahl hatte Trump noch kurz vor seinem scheinheiligen Appell zur Versöhnung wiederholt. Am Tag der geplanten Bestätigung von Joe Bidens Wahlsieg erweckt er den Eindruck, selbst als Speerspitze einer aufgebrachten Masse Richtung Parlamentsgebäude marschieren zu wollen. Für den Mob, der den Sitz von Senat und Repräsentantenhaus in Washington schließlich stürmt, zeigt Trump viel Verständnis.

Mitglieder seiner Regierung haben derweil gesagt, es reicht und sind abgetreten. Wahrscheinlich haben ihm seine letzten Vertrauten versucht klar zu machen, wie brandgefährlich dieses Verhalten auch aus juristischer Sicht für ihn ist. Auch Ex-Präsidenten müssen sich vor dem Gesetz verantworten. Donald Trumps Worte, dieser präsidiale Gestus auf einmal – reine Taktik. Oder glaubt jemand an ehrliche Einsicht? Politisch, gesellschaftlich und moralisch gesehen hinterlässt Trump in den USA ein Trümmerfeld. Mir tut es in der Seele weh für dieses große, in vielerlei Hinsicht bewundernswerte und schöne Land. Da ist eine Menge Aufräumarbeit vonnöten, die müssen jetzt andere übernehmen.

Gleichzeitig sollten uns die Zustände in den USA eine Mahnung sein. Auch bei uns gab es irritierende Bilder auf den Stufen und in den Fluren des Parlamentsgebäudes. Bei den Vorfällen am Berliner Reichstag vor ein paar Monaten sind glücklicherweise keine Menschen zu Schaden gekommen oder Büros verwüstet worden. Aber Respektlosigkeit gegenüber der Demokratie und ihren Institutionen ist ein Alarmsignal.

Stand: 08.01.2021, 13:10