Kommentar: Ströbeles Rollatorgate bei der Bahn

Symbolbild: Zwei Frauen, davon eine mit einem Rollator, gehen am Hannoveraner Hauptbahnhof an einem ICE vorbei

Kommentar: Ströbeles Rollatorgate bei der Bahn

Von Stephan Karkowsky

Der Grünenpolitiker Hans-Christian Ströbele hat eine ziemliche Diskussion ausgelöst: Bahnmitarbeiter wollten ihm nicht beim Umsteigen helfen. Er sagt, für Gehbehinderte und Menschen mit Kinderwagen sei das Reisen sehr beschwerlich. Stephan Karkowsky findet es gut, dass dieses Thema endlich auf den Tisch kommt.

Kommentar: Ströbeles Rollatorgate bei der Bahn

WDR 4 Zur Sache 15.01.2020 02:04 Min. Verfügbar bis 14.01.2021 WDR 4

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Meine Mutter wird dieses Jahr 90. Sie will das groß feiern, sagt sie, und fügt immer hinzu: "Wenn ich das noch erlebe." "Hallo?! Mama?", sagen wir Kinder dann, weil wir wissen, dass sie mit dem Alter kokettiert. Sie ist nämlich kerngesund. Nur die Beine wollen seit einiger Zeit nicht mehr so richtig.

Früher war ihr kein Weg zu Fuß zu weit. Heute fährt sie kurze Strecken mit dem Auto und lange Strecken gar nicht mehr. Bahnfahren wird ihr zu anstrengend. Der Arzt hat ihr eine Gehhilfe verschrieben. Für einen Rollator aber ist sie zu eitel. Man soll im Dorf nicht sehen, dass sie nicht mehr kann. Ich kann das verstehen.

Gegen meine Mutter ist Hans-Christian Ströbele mit seinen 80 Jahren ein Jungspund. Und seine Anspruchshaltung ist eine andere: Statt aufs Bahnfahren zu verzichten, fordert er die Bahn heraus. Und er hat ja Recht. Die Bahn selbst verspricht schließlich "barrierefreies Reisen für Fahrgäste mit Mobilitätseinschränkung". Auf Deutsch: Altersbedingt gehbehinderten Menschen wird geholfen, etwa beim Ein- und Aussteigen oder beim Verstauen des Gepäcks.

Sie müssen diesen Service nur vor der Reise anmelden, dann können Sie ihn auch unentgeltlich nutzen – theoretisch. Praktisch aber brauchen Sie für viele dieser Dienste zunächst einen Schwerbehindertenausweis mit dem Merkzeichen "G" – für Gehbehinderung. Nachzulesen im 13-seitigen "Leitfaden für die Mitnahme orthopädischer Hilfsmittel". Kein Witz! Aber glauben Sie bloß nicht, meine Mutter würde einen Schwerbehindertenausweis beantragen. Dann bleibt sie lieber zu Hause.

"Hätte meine Oma sich beschwert, hätte die Bahn nicht mal reagiert", schreibt ein Leser der Wochenzeitschrift Die Zeit. Zum Glück aber kommen nun auch Menschen ins kritische Alter, die sich noch nie alles gefallen ließen. Wie Ströbele. Einmal Rebell, immer Rebell.

Sein Anstoß ist ein erster Schritt. Damit wir alle es einmal leichter haben. Danke dafür! Spätestens wenn wir Babyboomer alt sind, also die in den 60er Jahren Geborenen, dann bilden wir eine Mehrheit, die die Bahn nicht mehr ignorieren kann.

Stand: 15.01.2020, 13:10