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Kommentar: Rente – Fehler im System

Kommentar: Rente – Fehler im System

Kommentar: Rente – Fehler im System

Von Jörg Brunsmann

Jetzt also wird wieder ganz viel geredet über die Rente. "Rente mit 68" ist das Stichwort. Ausgerechnet Experten des Bundeswirtschaftsministeriums haben gefordert, den Rentenbeginn auf dieses Alter anzuheben. Sie wurden aber von Wirtschaftsminister Altmaier und anderen Politikern schnell zurückgepfiffen. Denn schließlich steht im September die nächste Bundestagswahl an. Und deshalb – ist WDR 4-Autor Jörg Brunsmann sich sicher – will von den Politikern niemand über Rentenreformen diskutieren:

Kommentar: Rente – Fehler im System

WDR 4 Zur Sache 09.06.2021 02:00 Min. Verfügbar bis 09.06.2022 WDR 4 Von Jörg Brunsmann


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Wetten, dass dieses Thema ganz schnell wieder in der Versenkung verschwindet? Mit der Rente lässt sich nämlich kein Wahlkampf gewinnen. Und das wissen die Politiker auch. Es ist ziemlich egal, was sie sich an Reformen überlegen: Einer Wählergruppe tut man immer weh. Wer die Rente kürzt oder auch nur Erhöhungen aussetzt, bekommt es mit den jetzigen Rentnern zu tun. Die sagen – ganz zu recht: Dafür habe ich mein halbes Leben gearbeitet – und ihr habt mir doch auch immer versprochen: "Die Rente ist sicher".

Wer dagegen die Einnahmen der Rentenkasse erhöhen will – durch höhere Beiträge oder arbeiten bis 68, 70 oder vielleicht noch länger – der vergrault die Menschen, die jetzt in die Rentenkasse einzahlen, die wohl größte Wählergruppe. Und was würde dieser Ärger bringen? Man könnte das System zukunftssicher machen und die künftigen Beitragszahler entlasten. Nur dass die heute noch größtenteils im Kindergarten oder in der Schule sind und noch gar nicht wählen dürfen.

Nein, ich verstehe schon, dass Politiker das Thema Rente nicht wirklich anpacken wollen. Unser Problem ist, dass das seit Jahrzehnten so geht und immer irgendwann irgendeine Wahl ansteht. Es ist wie mit dem alten Auto, das noch schnell über den TÜV gebracht werden muss. Da wird gespachtelt und geflickt, hauptsache, der Prüfer gibt noch mal für zwei Jahre sein "Okay". Dass es eigentlich besser und auch sicherer wäre, auf einen neuen Wagen umzusteigen, zählt in dem Moment nicht.

Auch bei der Rente wurde immer wieder geflickt und nachgebessert. Dabei bräuchten wir eigentlich einen Systemwechsel. Die Menschen in Deutschland werden immer älter – was toll ist – gleichzeitig gibt es immer weniger Jüngere, die den Älteren die Rente zahlen.

Dass das so nicht funktioniert, kann einem jeder Schüler ausrechnen. Und vielleicht sollte man genau die auch mal fragen. Die Kinder und Jugendlichen von heute sollen irgendwann Rentenbeiträge zahlen. Und sie sollen auch irgendwann von dem Rentensystem profitieren. Diese Generation muss also am längsten mit solchen Entscheidungen leben.

Ob dabei was Sinnvolles rauskäme, wenn man Zwölf- oder Vierzehnjährige mal fragen würde? Keine Ahnung. Eins jedenfalls würden sie nicht sagen: "Oh, ist gerade schlecht. In drei Monaten ist doch Wahl!"

Stand: 09.06.2021, 13:10