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Kommentar: Laut werden gegen Rassisten

Teilnehmende einer Demonstration unter dem Motto "Aufstehen gegen Rassismus" haben sich zum 1. Mai im Zentrum von Chemnitz versammelt.

Kommentar: Laut werden gegen Rassisten

Von Irene Geuer

Hanau lässt uns nicht los, die Stadt, in der am Mittwoch ein Rechtsextremer neun Menschen mit Migrationshintergrund, seine Mutter und sich selbst erschossen hat. Mahnwachen in Deutschland – überall, auch für die Verletzten dieser Terrortat. Und viel Nachdenklichkeit. Kann man solche Morde verhindern? Vielleicht nicht, wenn man nicht in einem absoluten Überwachungsstaat leben will. Aber man kann den Anfängen wehren, sagt Irene Geuer.

Kommentar: Laut werden gegen Rassisten

WDR 4 Zur Sache 21.02.2020 02:07 Min. Verfügbar bis 20.02.2021 WDR 4

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"Papa, was ist Rassismus?" "Das ist eine Krankheit", erklärt der Vater seiner Tochter. Der Franzose Tahar Ben Jelloun hat vor vielen Jahren ein Buch über Rassismus geschrieben, entstanden aus den Fragen seiner Tochter. Die Familie hat marokkanische Wurzeln. Rassenhass, erklärt er also der Tochter, sei eine Krankheit, von der aber kleine Kinder nie befallen sind. Menschen würden nicht als Rassisten geboren, sie würden dazu erzogen.

Dieses Buch stammt aus den 1980er Jahren. Es wurde in viele Sprachen übersetzt, es ist preisgekrönt und hat sicher so manchen geholfen, dem Rassismus schlaue Antworten entgegen zu setzen. Allerdings wurde der Schriftsteller immer wieder mit neuen Fragen konfrontiert. Als das Buch fertig war, kam ein kleiner Junge zu ihm: "Sagen Sie, Monsieur, wozu dient eigentlich Rassismus?" Da wusste der Autor, dass er ein zweites Buch schreiben und noch mehr erklären musste. Rassismus dient den Menschen mit Minderwertigkeitskomplex, sich besser zu fühlen.

Mit dem Rassismus ist es tatsächlich wie mit einer Krankheit oder einer Seuche. Wenn man nichts dagegen unternimmt, oder zu wenig, dann ist die Verbreitung unkontrolliert und geht immer schneller, je mehr sich infiziert haben. Also müssen wir etwas tun. Und das heißt nicht, dass wir uns einen Mundschutz überziehen und meinen, damit werde alles besser. Im Gegenteil, wir müssen tätig werden und laut. Rassismus kann man ganz gut mit seinen eigenen Mitteln schlagen. Man muss es den Rassisten einfach mal spüren lassen, wie ist, nicht gewollt zu sein. Die Menschlichkeit muss sich der Gegenmittel bedienen, wie im Fußballstadion in Münster, wo die Fans einen Rassisten, der Affenlaute machte, festhielten, bis die Polizei kam. Klare Kante gezeigt und damit auch die weitere Verbreitung von Rassismus eingedämmt.

Denn viele haben gesehen: Wenn Du andere zum Affen machen willst, wirst du selbst einer, der dann auch im Stadion nichts mehr zu suchen hat. Das bedeutet aber auch, dass wir wie bei der medizinischen Seuchenbekämpfung, allen Verdachtsfällen nachgehen müssen. In der U-Bahn: "Hey, Sie da! Was haben Sie da gerade gesagt?" Oder beim Verwandtenbesuch: "Onkel, du weißt, dass das rassistisch ist. Du weißt, dass der Mörder von Hanau genauso gedacht hat." Sowas ist verdammt schwierig, aber auch verdammt wichtig. Wir müssen das tun, was bei Seuchen immer hilft: Isolation des Erregers. Damit konnten schon ganz andere Krankheiten besiegt werden.

Stand: 21.02.2020, 13:10