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Kommentar: Vor dem Brief kommt eine Mail

Vor dem Brief kommt eine Mail

Kommentar: Vor dem Brief kommt eine Mail

Von Ferdinand Quante

Die Post hat sich zusammen mit ein paar Emailprovidern was Neues ausgedacht, nämlich die Vorankündigung von Briefen. Bevor ein Schreiben im Postkasten landet, kann der Empfänger sich ein Foto vom Umschlag des Briefes zumailen lassen. Schon weiß er, was bald schon im heimischen Briefkasten auf ihn wartet. Der Alltag wird dadurch noch etwas schneller. Aber auch besser?

Kommentar: Vor dem Brief kommt eine Mail

WDR 4 Zur Sache 28.07.2020 02:27 Min. Verfügbar bis 28.07.2021 WDR 4

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Das ist doch ein Witz, oder? Das Datum auf meiner Zeitung ist allerdings 28. Juli und nicht 1. April, und da steht wahrhaftig schwarz auf weiß "Post lässt Briefe per Mail ankündigen". Darauf muss man auch erst mal kommen, auf so einen Service, wenn's denn überhaupt ein Service ist.

Für die Post selbst und den Brief an sich wahrscheinlich schon. Im Internetzeitalter, wo Nachrichten in Sekundenschnelle um die Welt sausen, wirkt so ein analoger Brief doch reichlich schildkrötenhaft, und die Post will ihn jetzt praktisch zur Gazelle machen, per Email. Damit er einen Tick zeitgemäßer ist und die Post nicht mehr so altbacken erscheint, und dem Email-Provider nützt der Service auch, weil er jetzt mehr Mails verschicken kann. Schon klickt der Empfänger häufiger in seinem Postfach herum, mehr Klicks bringen mehr Geld für die Werbung drumherum. Brief, Post und Provider haben gewonnen.

Wir Briefempfänger auch? Die Post will ja erst mal nur ein Bild vom Briefumschlag verschicken, nächstes Jahr soll’s aber auch möglich sein, ihn öffnen zu lassen und gleich den ganzen Brief zu lesen, nur mit Zustimmung des Empfängers, versteht sich. Es soll ja noch Liebhaber des Postgeheimnisses und Datenschutzes geben. Wenn so was damals schon möglich gewesen wäre, als ich auf einen Liebesbrief tagelang hochnervös eine Antwort erwartete – na, ich hätte diesen Service weißgott genutzt. Her mit dem Brief, sofort und auf der Stelle. Warum warten, wenn's auch anders geht? Genau darauf setzt der neue Dienst. Er macht sich unsere Ungeduld und Neugier zunutze.

Der Haken an der Sache ist freilich, dass man nicht täglich irisierende Liebesbriefe oder andere wichtige Post erwartet. Das, was in den Briefkasten kommt, ist ja meist sterbenslangweilig. Reklameschreiben einer Lottofirma und so Zeugs, völlig überflüssig, und ob die regelmäßig zugeschickten Kontoauszüge nun am Montag, Mittwoch oder Samstag kommen, ist mir so egal, dass ich eine Vorankündigung bestimmt nicht brauche.

Sage ich jetzt. Computer fand ich auch mal überflüssig, über die ersten Handys habe ich nur gelacht, so wie ich jetzt über per Email angekündigte Briefe lache. Irgendwann ist aber auch das normal. Wir werden dann unsere Post ganz selbstverständlich am Bildschirm lesen, vielleicht lesen müssen, weil Briefe eines Tages nur noch im Netz existieren und gar nicht mehr im Briefkasten landen.

Stand: 28.07.2020, 13:10