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Organspende – Schweigen heißt nicht "Ja"

Organspendeausweis und Rettungswagen, Spielzeugautos, Symbolbild

Organspende – Schweigen heißt nicht "Ja"

Von Jörg Brunsmann

Das Thema Organspende bewegt viele Menschen. Gerade jetzt, wo Gesundheitsminister Spahn einen neuen Gesetzvorschlag vorgelegt hat. Wer jetzt nach seinem Tod Organe spenden möchte, muss sich aktiv damit beschäftigen und einen Organspenderausweis zulegen. Spahn möchte, dass es andersherum läuft: Wer nicht "Nein" sagt, wird automatisch zum Organspender. Jörg Brunsmann findet: Das ist keine gute Lösung.

Kommentar: Organspende – ja oder nein?

WDR 4 Zur Sache 02.04.2019 02:15 Min. Verfügbar bis 01.04.2020 WDR 4

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Ich kann nicht anders, aber beim Thema "Organspende" fällt mir immer wieder der alte, bitterböse Sketch der englischen Komiker-Truppe Monty Phyton ein. Es klingelt an der Tür, ein älterer, zotteliger Mann macht auf. Draußen stehen zwei kräftige, junge Männer: "Guten Tag, wir würden gerne ihre Leber abholen." "Aber die brauche ich noch!" "Und was haben wir hier", kommt die Antwort der beiden: "Einen Leberspendeausweis, bitteschön." Auch die Ehefrau, von dem Geschrei angelockt, ist ihrem Mann keine Hilfe. "Hat er wieder so einen Zettel unterschrieben? Immer das Gleiche – dabei will er die Welt nur besser machen ..."

Tiefschwarzer Humor, was die Komikertruppe Anfang der 80er Jahre da inszeniert hat – aber es trifft den Kern der Diskussion: Die Angst, dass man bei dem Versuch, anderen zu helfen, sich selbst am meisten schadet. Dass Ärzte einen im Zweifelsfall schneller aufgeben, weil sie die gespendeten Organe entnehmen wollen.

Dass das natürlich nicht so ist, dass Menschen mit Organspenderausweis nicht schlechter medizinisch behandelt werden als alle anderen – auch diese Antwort der Mediziner kommt schon fast reflexartig. Aber es hilft nichts. Mit den Themen Tod und Sterben will sich zu Lebzeiten keiner wirklich auseinandersetzen. Wir haben beides erfolgreich aus unserem Alltag verdrängt. Mit dem Organspendeausweis in der Geldbörse werden wir aber ständig wieder an diese Themen erinnert.

Wenn der Gesundheitsminister jetzt darauf drängt, jeden Menschen in Deutschland per se zum Organspender zu machen, dann halte ich das für falsch. Ein Schweigen ist nunmal kein "Ja". Und viele Menschen, die dann zu Organspendern würden, haben sich vielleicht noch nie mit dem Thema auseinandergesetzt. Was dann zusätzlich Angehörige und Freunde in einer solchen Ausnahmesituation überfordern würde.

Wer Organspender wird, sollte sich zumindest gedanklich mit dem Thema beschäftigt haben. Das selbst zu tun und sich um die Formalitäten zu kümmern – den Schritt mögen viele nicht gehen. Aber man könnte die Menschen mit diesem Thema konfrontieren. Der Vorschlag dafür liegt auf dem Tisch: Beim nächsten Besuch auf dem Amt – zum Beispiel wenn der Personalausweis verlängert werden muss – wird das Thema angesprochen und die Behörden dokumentieren "Ja" oder "Nein". Zustimmen würden all jene, die es jetzt aus Bequemlichkeit, oder weil sie das Thema verdrängen, nicht getan haben. Und wer Zweifel hat, hätte die faire Chance, "Nein" zu sagen. Aber so zu tun, als wäre Schweigen ein "Ja" – ich finde das nicht in Ordnung.

Stand: 02.04.2019, 00:00