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Kommentar: Immer Notstand ist kein Notstand!

Kimaprotest in Berlin

Kommentar: Immer Notstand ist kein Notstand!

Von Jörg Brunsmann

Heute gibt es wieder große Demonstrationen in vielen Städten in NRW. Viele von uns kennen das ja auch schon: Fridays for future – Demonstrieren für eine bessere Klimapolitik. Was den Demonstranten Auftrieb geben dürfte: Die Entscheidung des Europaparlaments gestern. Die Abgeordneten haben den Klimanotstand ausgerufen. Und zwar für ganz Europa. WDR 4-Autor Jörg Brunsmann fragt sich, ob das der richtige Weg ist. Jemand, der immer warnt, wird irgendwann nicht mehr ernst genommen:

Kommentar: Immer Notstand ist kein Notstand!

WDR 4 Zur Sache 29.11.2019 02:00 Min. Verfügbar bis 28.11.2020 WDR 4

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Stellen Sie sich vor, bei Ihnen würde jemand vor der Tür stehen und permanent "Alarm" rufen. Morgen, mittags, abends, die ganze Nacht hindurch – "Alarm, Alarm". Spätestens nach zwei Tagen würden Sie den wegjagen und Sie hätten wahrscheinlich noch viel früher Stöpsel in den Ohren.

Ein dauerhaft ausgerufener Notstand – das kann nicht funktionieren. Denn so traurig das auch ist: Wir Menschen sind so konstruiert, dass wir uns an so ziemlich alles gewöhnen. Auch an die schlechten Nachrichten, selbst an Kriege und Katastrophen – was uns zuerst aufspringen und nach Abhilfe suchen lässt, wird irgendwann zum Alltag. "Ach kommt, das war doch schon immer so."

Mein Problem, das ich mit diesem permanenten und für ganz Europa geltenden Klimanotstand habe: Ich weiß gar nicht, wie das funktionieren soll, dass wir den Zustand des Notstandes auch mal wieder verlassen können. Was braucht es, um Entwarnung zu geben? Ja, wahrscheinlich haben wir Menschen das Klima mit der Art, wie wir heute leben, beeinflusst. Wahrscheinlich sogar so, dass die Klimaveränderungen uns jetzt und in Zukunft echte Probleme machen.

Aber das ist kein Ergebnis der letzten zehn oder zwanzig Jahre, es ist eine Sache von Jahrhunderten.

Um 1700 irgendwas wurde die Dampfmaschine erfunden, seitdem verbrennen wir Menschen im großen Stil Kohle und Öl. Und sorgen dafür, dass der CO2-Gehalt in der Luft steigt.

Das, was wir jetzt an Klimaveränderungen sehen, ist kein Notstand. Es ist das logische Ergebnis, wie wir und die Generationen vor uns auf Kosten der Erde und des Klimas gelebt und gewirtschaftet haben. Und genau das müssten wir ändern. Es reicht nicht, nur noch Elektroauto zu fahren und regionales Gemüse zu essen. So lange wir der Meinung sind, ohne permanentes Wirtschaftswachstum, ohne das Schneller-Höher-Weiter der letzten 300 Jahre nicht leben zu können, dürfen wir uns auch nicht über die Klimaprobleme wundern.

Das Europaparlament hätte sich dafür einsetzen können, den Autoverkehr zurückzudrängen. Oder es könnte dafür sorgen, dass weniger unserer Alltagsgegenstände aus China oder ähnlich weit entfernten Ländern zu uns geschafft werden. Aber nein, das wäre ja ein Affront gegen Wirtschaftswachstum und Welthandel. Sich stattdessen vor uns zu stellen und immer "Alarm, Alarm" zu rufen, ist da nicht wirklich hilfreicher.

Stand: 29.11.2019, 13:10