Kommentar: Herausforderung Literatur

Brille auf Bücherstapel

Kommentar: Herausforderung Literatur

Von Irene Geuer

Heute ist die höchste Auszeichnung für Literatur vergeben worden. Der Nobelpreis geht in diesem Jahr an die us-amerikanische Lyrikerin Louise Glück.
Kennen Sie vielleicht nicht. Kein Problem, das ist beim Literaturnobelpreis so, da werden nicht die Bestsellerautoren geehrt, sondern die, die etwas ganz Besonderes geschrieben haben – nach Meinung der Jury. Und da kann es dann auch mal sein, dass ein Musiker für seine Texte geehrt wird, wie Bob Dylan 2016. Den kennt man dann zumindest. Und die anderen Nobelpreisträger? Muss man deren Werke eigentlich lesen, wenn man was auf sich hält? Man muss alles lesen, sagt WDR 4-Autorin Irene Geuer in ihrem Kommentar.

Kommentar: Herausforderung Literatur

WDR 4 Zur Sache 09.10.2020 01:59 Min. Verfügbar bis 08.10.2021 WDR 4 Von Irene Geuer


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Bücher von Nobelpreisträgern haben es in sich. Z.B. die von Alice Munroe, sie bekam 2013 den Nobelpreis für ihre Kurzgeschichten. Schnell wegzulesen, dann aber kommt der Nachhall. Die Geschichten gehen einem nicht mehr so schnell aus dem Kopf. Munroes Erzählungen fesselten mich länger als so mancher 500-Seiten-Roman.

Herta Müller – ganz andere Baustelle – sie bekam den Literaturnobelpreis 2009 für ihr Werk: Atemschaukel. Ich weiß es noch wie heute. Unsere Kartenspielgruppe hatte sich entschieden, gemeinsam das Buch zu lesen. Es war so viel darüber gesprochen worden, da wollten wir es genau wissen. Wow – das war anstrengend. Ich habe mich durchgekämpft. Und als ich fertig war, da war ich allein. Alle anderen waren schon nach wenigen Seiten ausgestiegen. Ich konnte es verstehen und doch war ich froh über diese Erfahrung, durchgehalten zu haben. Das ist was ganz anderes, als einen spannenden Krimi zu lesen oder einen fesselnden Historienroman. Man muss die Nuss knacken. Man begibt sich auf eine Reise in völlig neue Gedanken mit kunstvoller Sprache. Atemschaukel, das Rätsel begann schon mit dem Titel.

Nobelpreisbücher oder auch Klassiker zu lesen, hat was. Meine Tochter ist jetzt in dem Alter, da das in der Schule Thema ist. "Nathan der Weise". Ich wollte ihr meine alte Ausgabe raussuchen, völlig unnütz. Denn heute lesen Schüler Ausgaben in einfachem Deutsch. Richtig gehört. Es ist nicht mehr der Original-Lessing. Germanisten haben das Stück umgeschrieben. Moderne Wörter, kurze Sätze. Die Kinder freut es, die Handlung ist ganz schnell inhaliert. Aber es geht so viel verloren. Alte Wörter, alte Ausdrucksweisen werden über Bord geworfen und der Kopf muss sich nicht sonderlich anstrengen. Wo führt das hin? Werden wir demnächst Goethe in 120 Zeichen bei Twitter lesen? Ich hoffe nicht!

Auch Sprache hat ihre Geschichte, ihre verschiedenen Zeiten. An nichts anderem kann man so gut das Denken einer Gesellschaft nachvollziehen, als durch das Lesen ihrer Bücher. Was nicht bedeutet, dass man keine Krimis oder Liebesromane mehr vertilgen sollte. Die sind auch ganz wichtig, um uns aus dem Alltag herauszukatapultieren. Aber zwischendurch mal ein, wie es immer so schön heißt, gutes Buch zu lesen, ist eine Herausforderung für Kopf und Seele.

Stand: 08.10.2020, 11:53