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Streikende Pflegekräfte

Kommentar: Nicht der Streik gefährdet Patienten

Stand: 03.05.2022, 13:10 Uhr

Die NRW-Unikliniken werden bestreikt. Gestern ist's losgegangen, ab morgen sollen die Streiks massiv ausgeweitet werden. Am Samstag ist in Düsseldorf eine Großdemonstration geplant. Notfallpläne sollen dafür sorgen, dass Patienten dabei nicht gefährdet werden. Stephan Karkowsky hält diesen Streik für längst überfällig:

Von Stephan Karkowsky

Kommentar: Nicht der Streik gefährdet Patienten

WDR 4 Zur Sache 03.05.2022 01:48 Min. Verfügbar bis 03.05.2023 WDR 4 Von Stefan Karkowsky


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Mal ehrlich, hätten Sie das gedacht? Dass 26 Monate nach Beginn der Coronapandemie die Arbeitsbedingungen in den Kliniken noch immer die gleichen sind wie vorher?

Man könnte auch sagen: Das Klatschen für die Pflegekräfte hat nicht zu einer automatischen Verbesserung geführt. Noch immer müssen viel zu wenige Pflegekräfte sich um viel zu viele Patienten kümmern. Noch immer melden sich viel zu viele selbst krank, weil sie permanent Überstunden machen, die Pausen durcharbeiten und den Druck auf Dauer nicht aushalten. Noch immer kündigen viele Pflegekräfte nach wenigen Jahren, weil sie lieber keine Arbeit haben möchten, als kein Leben mehr.

Deshalb ist dieser Streik ein Notruf: Verbessern sich die Arbeitsbedingungen nicht, wird es schwierig, neues Personal zu gewinnen. Für uns potentielle Patienten hieße das, dass wir in den Kliniken zunehmend auf erschöpfte, überarbeitete und übermüdete Mitarbeiter treffen. Und wer kurz vorm Burnout steht, macht Fehler. Fehler, die lebensgefährlich sein können.

Deshalb geht’s bei diesem Streik auch nicht in erster Linie um mehr Geld. Gestreikt wird für einen Entlastungstarifvertrag. In Berlin wurde der bereits durchgesetzt. Nach mehr als 30 Tagen Streik! Dafür gelten dort nun bessere Personalschlüssel – es wurde also neu geregelt, wie viele Patienten ein Krankenpfleger höchstens betreuen darf. Und dass er Anspruch auf Freizeitausgleich hat, sobald diese Zahl überschritten wird.

Gestreikt wird übrigens nicht nur für bessere Arbeitsbedingungen für Krankenpfleger und Pflegerinnen. Sondern auch für das Küchenpersonal, die Reinigungskräfte, eben für alle, die so eine Klinik am Laufen halten. Eine Krankenschwester hat es neulich im WDR auf den Punkt gebracht: Nicht der Streik gefährde die Patienten, sondern der Normalzustand auf Station. Darüber sollten wir alle einmal nachdenken.