Kommentar: Arme Millionäre?

Geld in einer Geldbörse

Kommentar: Arme Millionäre?

Von Ferdinand Quante

Jeder träumt irgendwann einmal davon, Millionär zu sein. Wer schon einer ist, für den könnte das vergangene Jahr eher alptraumhaft gewesen sein, denn eine nagelneue Statistik meldet Verluste für die Reichen im Lande. Und die wohnen ja nicht immer nur in schicken Villenvierteln, sondern manchmal fast nebenan.

Kommentar: Arme Millionäre?

WDR 4 Zur Sache 09.07.2019 02:16 Min. Verfügbar bis 08.07.2020 WDR 4

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So hatte ich den Mann im schicken Anzug ja noch nie gesehen: so lahm, wie er da heute morgen aus seinem Zwölfzylinder-Mobil herauskroch, in die Bäckerei schlich, total trübselig. Als ich mich dann beim Frühstück noch fragte, was der nur hatte, lieferte die Zeitung eine Antwort: Zahl der Millionäre weltweit gesunken, ein bisschen zumindest. In Deutschland ist jeder hunderste Millionär jetzt kein Millionär mehr.

Schadenfreude? Hab ich nicht. Und ein Grund zu aufrechter Freude ist das auch nicht. Das verlorene Geld der Reichen kommt ja nicht den anderen, den Ärmeren und Armen, zugute. Irgendwo in den Strudeln der Aktien- und Finanzmeere ist es versunken. Und überhaupt: Eine Million zu haben, ist nicht mehr das, was es mal war.

Vor 30, 40 Jahren hatte man mit "einer Million" den Reichtum eines Pharaos, für mich jedenfalls. Heute werden am laufenden Band Kosten und Verluste in Milliardenhöhe vermeldet, da schrumpft natürlich auch der Millionär zu etwas fast Normalem. Fast. Denn letztlich ist das Wort Millionär noch immer so etwas wie eine Scheidelinie zwischen oben und unten.

In unseren Phantasien leben Millionäre nach wie vor ein himmlisches Leben: keine Geldsorgen, große Häuser, tolle Autos, wobei jeder schon zigfach von den Kehrseiten des Reichtums gehört hat, die es ja auch gibt. Kaputte Familienverhältnisse, Kinder, die zu Nachfolgern im elterlichen Unternehmen aufgebaut werden und dem Druck nicht standhalten, zerrüttete Ehen.

Na, die gibt es ja überall, werden Sie jetzt womöglich denken. Stimmt ja auch: Geld allein macht nicht unglücklich. Aber vielleicht macht es einen schäbig, zumindest wenn man unermesslich viel hat, so wie die 45 reichsten Deutschen, die so viel besitzen wie die ärmere Hälfte der Bevölkerung. Wenn das nicht schäbig ist, ist es mindestens obszön.

Dagegen ist der Mann, den ich beim Bäcker traf, beinahe normal. Beinahe. Denn falls er wirklich etwas Geld verloren hat, hat er wohl immer noch mehr, als wir Durchschnittlichen jemals im Leben verdienen werden.

Weshalb ich heute Morgen auch keinen Grund sah, dem traurigen Kerl ein Körnerbrötchen zu spendieren.

Stand: 09.07.2019, 13:10