Kommentar: Maulwurf ist das "Tier 2020"

Maulwurf

Kommentar: Maulwurf ist das "Tier 2020"

Von Irene Geuer

Das Reh ist nur noch wenige Wochen "Tier des Jahres", dann wird es abgelöst von einem putzigen Gesellen, der uns aber auch schon mal den letzten Nerv kostet: Tier des Jahres 2020 ist der Maulwurf. Die Deutsche Wildtier-Stiftung hat ihn auserkoren. Weil: Ein nützlicher kleiner Held, auch wenn es um den Kampf gegen Schädlinge geht. Aber er ist beileibe nicht überall beliebt.

Kommentar: Maulwurf ist das "Tier 2020"

WDR 4 Zur Sache 05.11.2019 02:01 Min. Verfügbar bis 04.11.2020 WDR 4

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Umfrage unter meinen Bekannten, die einen Garten haben. Was haltet ihr vom Maulwurf? Oh, süß, hieß es, mit den Geschichten vom kleinen Maulwurf sei man doch aufgewachsen, wurde mir erzählt, so schnucki, hilfreich gegen Engerlinge, vertreibt Mäuse, lockert den Boden, tolles Tier.

Pause, aber nicht bei mir im Garten. Pause. Und dann Geständnisse: Also, wir hatten mal einen Maulwurf, den haben wir mit Mottenkugeln verjagt. Der sei dann zum Nachbarn gezogen, kleines Rachekichern. Der Nachbar habe daraufhin Matten unterm Rasen verlegt. Die harmlosen Varianten. Wie auch der Tipp, einen Rasen ständig zu begehen, das möge der Maulwurf nicht. Manche erzählten auch von Gas oder Apparaten mit Störgeräuschen, die sich als effektiv erwiesen hätten. Einer erklärte, Geduld und ein Spaten habe bei ihm die Ebenerdigkeit im Garten wieder hergestellt. Und einer raunte mir in den Telefonhörer, es gebe da auch so was wie Fallbeile. Die stelle man unterirdisch auf. Und wenn der Maulwurf durch seinen Gang pese, dann: Klack und oberirdisch schnelle ein Fähnchen hoch.

Der alte Lehrmeister Konfuzius hatte ja so recht, als er sagte: Der Mensch stolpert nicht über Berge, sondern über Maulwurfshügel. Übersehen, hingefallen. Ein einziger Maulwurfhügel auf einer großen Wiese, der das Leben verändern kann. Und wenn man im Internet "Maulwurf und Rasen" eingibt, dann werden noch viel mehr Tipps gegeben, wie man ihn los wird.

Es ist fast schon schizophren. Unterirdisch geschätzt für seine Fähigkeiten. Ein Füllhorn des Lobes wird über ihm ausgeschüttet. Oberirdisch gehasst – für die aufgeworfenen Hinterlassenschaften seiner Fähigkeiten. Nur die Wühlmaus hat einen noch schlechteren Ruf. Selbst Schnecken wird mehr Existenzberechtigung zugestanden.

Aber so ist das mit der Natur. Im Bilderbuch geliebt, als Plüschtier geknuddelt, im Fernsehen bewundert. Und im wahren Leben tun wir uns schwer, Maulwurf und Co. gewähren zu lassen. Wir sind noch Universen davon entfernt, wirklich in Gleichberechtigung mit der Natur zu leben. Was daran liegt, dass wir alles in der Natur in Gut und Schlecht einteilen. Die Natur ihrerseits tut das übrigens nicht. Eigentlich nett von ihr, dass sie für uns kein Fallbeil entwickelt hat.

Stand: 05.11.2019, 13:10