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Kommentar: Wie ich am 9. November Teil der Geschichte wurde

Fall der Berliner Mauer: In der Nacht des 9.November 1989 sind Menschen auf die Mauer am Brandenburger Tor geklettert. Berlin, Deutschland, Europa

Kommentar: Wie ich am 9. November Teil der Geschichte wurde

Von Stephan Karkowsky

Am 9. November feiert Deutschland 30 Jahre Mauerfall. Ein Ereignis, mit dem niemand gerechnet hatte. Auch Stephan Karkowsky nicht, der damals als junger Reporter für den Westberliner Radiosender RIAS II arbeitete. Und zufällig zum ersten deutschen Reporter wurde, der Live vom Fall der Mauer berichten konnte.

Kommentar: Wie ich am 9. November Teil der Geschichte wurde

WDR 4 Zur Sache 08.11.2019 02:05 Min. Verfügbar bis 07.11.2020 WDR 4

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9. November: RIAS-Funkhaus, West-Berlin. Ein müder Haufen völlig überarbeiteter Journalisten. Kurz nach sieben die Eilmeldung: Grenze geöffnet. Unverzüglich, sofort. Als Schabowski das sagte, hatte unser Ost-Berlinkorrespondent schon Feierabend gemacht mit den Worten: Hier passiert heute nichts mehr. Nur sein Mikrofon stand noch auf Schabowskis Tisch. Heute leitet er Plasbergs Talkshow.

Aber er war nicht der einzige, der damit nicht gerechnet hat. Und als es soweit war, begriffen die wenigsten den historischen Moment. Auch wir nicht. Wir gingen nämlich unverzüglich, sofort – nicht an die Mauer, sondern: erstmal in Ruhe was essen. Denn erstens: Traue niemals einem SED-Funktionär. Und zweitens hieß es ja nur: DDR-Bürger können die Ausreise beantragen. Wir rechneten für morgen mit langen Schlangen vor den Ämtern. Nicht für heute Abend vor der Grenze.

21.45 Uhr: Das Heute-Journal im ZDF wartet ab: Kein Reporter berichtet Live. Aber wir fuhren nach dem Essen einfach mal gucken. Grenzübergang Sonnenallee.
21.50 Uhr: Da kam uns etwas entgegen, was auf Westberliner Straßen noch nie zu sehen war: die ersten Trabbis! Und ausgerechnet jetzt hatte keiner von uns ein Mikrofon dabei!

Handys gabs noch nicht. Und so kam mein erster Bericht über die Maueröffnung aus einer gelben Telefonzelle, einem Münzfernsprecher. Atemlos, am 9. November, um 22.10 Uhr auf RIAS 2, in einer Musiksendung namens Diskothek. Der allererste Live-Bericht über ein Ereignis, das um die Welt ging. Wahnsinn!

In den Tagesthemen eine halbe Stunde später war Robin Lautenbach Reporter – leider am falschen Grenzübergang: Invalidenstrasse, wo alles ruhig war und niemand die Grenze passierte. Für uns wurde es noch eine lange Nacht: Brandenburger Tor, Kudamm, jubelnde, singende Menschen. Auf einmal war die Mauer durchlässig geworden. Ein kleiner Glücksfall für einen Reporter. Aber ein riesiger für Deutschland.

Stand: 08.11.2019, 13:10