Kommentar: Loveparade – unwürdiges Prozessende

 Nordrhein-Westfalen, Duisburg: Kreuze erinnern auf einer Treppe an der Gedenkstelle an die Toten des Loveparade-Katastrophe.

Kommentar: Loveparade – unwürdiges Prozessende

Von Irene Geuer

Fast zehn Jahre ist es her, dass in Duisburg ein großes Musikfest Furore machen sollte, die Loveparade. Sie wurde eine Katastrophe: 21 junge Menschen tot, über 500 zum Teil schwer verletzt. Hunderte Angehörige mit seelischen Wunden, von denen bis heute manche nicht verheilen konnten. Viele hofften darauf, dass ein Gerichtsprozess die Aufklärung bringt, wie diese Katastrophe zustande kommen konnte. Doch nun soll der Prozess wegen der Corona-Krise eingestellt werden. Die Anwälte sind um Stellungnahme bis zum 20. April gebeten worden. Das ist bitter, sagt Irene Geuer.

Kommentar: Loveparade – unwürdiges Prozessende

WDR 4 Zur Sache 08.04.2020 02:03 Min. Verfügbar bis 08.04.2021 WDR 4

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Es braucht nicht immer ein Urteil, um eine Straftat oder ein Ereignis aufzuklären. Das habe ich vor vielen Jahren gelernt. Im Prozess um das Zugunglück in Brühl mit neun Toten. Angeklagt war damals der Lokführer, ein junger Mann, der seinen Traumberuf ergriffen hatte, was die Deutsche Bahn nie hätte zulassen dürfen. Denn die detaillierte Aufarbeitung im Prozess brachte unter anderem heraus, dass dieser junge Mann mit der Situation die Lok eines D-Zuges zu führen, überfordert war. Das hätten seine Vorgesetzten erkennen müssen, so die Beurteilung der Richter. Sie wiesen damals leitenden Mitarbeitern der Deutschen Bahn noch so manches Versäumnis nach. Der Lokführer wurde nicht verurteilt. Es gebe dafür weder eine Notwendigkeit, noch ein öffentliches Interesse, sagten damals die Richter. Im Grunde war er bei diesem Unfall auch ein Opfer.

Diese Aufarbeitung damals hat viele viele Monate gedauert. Für alle Beteiligten war es eine wichtige Zeit. Für die Angehörigen zum Beispiel auch deshalb, weil der vorsitzende Richter damals klar machte, wie sehr er den Fall ernst nahm, wie sehr ihm daran gelegen war, die Gesamtumstände aufzuklären. Und da kamen viele Dinge zum Vorschein, die die Bahn nachher auch in ihrem Betrieb geändert hat. Ein Prozess ist also auch zum Lernen da.

Und das ist es, was in Duisburg nicht mehr geschehen wird. Aber machen wir uns nichts vor: Es hat weniger etwas mit der Corona-Pandemie zu tun, dass der Prozess nun eingestellt werden soll. Er wäre es aller Voraussicht nach sowieso am 24. Juli. Dann sind genau 10 Jahre rum, dann tritt die Verjährung in Kraft. Die juristische Aufarbeitung der Duisburger Loveparade hat viel zu spät begonnen. Mehr als sieben Jahre hatte es gebraucht, bis der Fall überhaupt vor Gericht verhandelt werden konnte. Viele Angehörige hatten damals gehofft, dass nun offenkundig werden könnte, welche Fehlentscheidung die nächste begünstigte und welche Eitelkeiten dazu geführt hatten, dass 21 Menschen starben. Aufklärung, um daraus zu lernen. Wegen Corona wird also die Loveparade von Duisburg bereits früher aus den Schlagzeilen verschwinden. Umso mehr darf man den 24. Juli 2010 mit seinem großen Leid nicht vergessen. Das kann man auch ohne ein Gerichtsurteil.

Stand: 08.04.2020, 13:10