Kommentar: Extrawurst für den Fußball

Spieler versuchen an den Ball zu kommen

Kommentar: Extrawurst für den Fußball

Von Jörg Brunsmann

Also langsam dürfen wir uns wieder hochfahren. Die Corona-Einschränkungen werden in vielen Bereichen gelockert, das haben die Politiker ja gestern beschlossen. Nach Alltag sieht das aber noch immer nicht aus. In vielen Bereichen in unserem täglichen Leben wird es auf Monate noch anders laufen als wir das gewöhnt sind. Manche Bereiche werden noch auf Monate mehr oder weniger stillstehen. Andere dagegen bekommen Sonderregeln – findet WDR 4-Autor Jörg Brunsmann in seinem Kommentar. Vor allem den Neustart der Bundesliga sieht er dabei sehr kritisch:

Kommentar: Extrawurst für den Fußball

WDR 4 Zur Sache 07.05.2020 02:16 Min. Verfügbar bis 07.05.2021 WDR 4 Von Jörg Brunsmann

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Man sieht es mal wieder: Die alten Verbindungen funktionieren noch immer. Und die beiden wichtigsten Stützen unseres Landes, mit den besten Verbindungen zur Politik, das sind die Autoindustrie und der Fußball. Mobilität und Spiele sozusagen.

Wobei die Autobranche in den letzten Jahren durch die ganze Klima- und Umweltdiskussion schon reichlich Federn lassen musste. Das hätte es doch früher nie gegeben: Die Autolobby ruft lautstark nach staatlicher Unterstützung. Und als Antwort kommt: "Da reden wir später noch mal drüber." So lief es ja beim "Autogipfel" am Dienstag. Da ist der Fußball immer noch in einer deutlich stärkeren Position.

Die Liga hat jetzt so eine Art Freifahrtschein bekommen. Hygienekonzept ja, aber wer kontrolliert das eigentlich? Und wird das überhaupt ernst genommen? Nach dem Video von Salomon Kalou, dem dann eilig suspendierten Spieler von Hertha BSC, habe ich so meine Zweifel. Ja, er selbst war es, der die Regeln gebrochen hat, aber auch von seinen Mannschaftskollegen hat ihn keiner daran erinnert, dass er da was falsch macht. Und dann natürlich auf dem Platz: Wenn von den 22 Spielern auch nur einer – unbemerkt – mit einer Infektion aufläuft, kann man allen Ernstes hoffen, dass er – schwitzend in den Zweikämpfen – niemand anderen ansteckt? Oder wollen die Mannschaften wieder Rasenschach spielen wie in den 70ern? Ich weiß es nicht. Klar ist: Dass die Profi-Fußballer eine Extrawurst bekommen, ist nicht nur schwer nachvollziehbar, es ist auch ungerecht.

Was ist mit anderen Sportarten, die weder so populär sind wie der Fußball, noch so viel Geld umsetzen? Viele haben die Saison mittlerweile abgebrochen. Oder was ist mit der Kultur, mit Theatern oder Orchestern? Dort wurden viele der Beschäftigten in Kurzarbeit geschickt, ohne die Aussicht, jetzt schnell weiterarbeiten zu können.

Es ist ja nicht so, dass ich den Fußballfans ihr Vergnügen nicht gönne – dass wieder gespielt wird, lässt es aussehen, als sei die Normalität wieder ein Stück zurück. Aber ich frage mich, ob man das wirklich guten Gewissens schon so machen kann. Oder ob hier einfach nur diejenigen sich durchgesetzt haben, die am lautesten geklagt haben. Davon ab: Ob die Rechnung der Vereine überhaupt aufgeht, das muss sich auch erst noch zeigen. "Hoffentlich geht das gut", das denken im Moment wahrscheinlich viele. Sollten sich im neuen Spielbetrieb jetzt viele Betreuer und Spieler anstecken, dann wird die Bundesliga eher zum Beispiel, wie man es besser nicht macht. Und dann würde den Vereinen ihre Extrawurst regelrecht im Hals stecken bleiben.

Stand: 07.05.2020, 13:10