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Kommentar: Welche Landwirtschaft wünschen wir uns?

Bauern-Streick in Köln

Kommentar: Welche Landwirtschaft wünschen wir uns?

Von Jörg Brunsmann

Bauern-Proteste in ganz NRW – schon gestern waren viele Landwirte mit ihren Traktoren im Land unterwegs. Sie sind sauer auf die Politik, vor allem auf die Bundesregierung. Weil von dort immer neue Vorschriften kommen, die ihnen das Leben schwer machen. Dazu die niedrigen Lebensmittelpreise. Viele Bauern sagen: "So geht es nicht mehr weiter" – viele denken auch darüber nach, ob sie ihren Hof überhaupt noch an ihre Kinder übergeben sollen. Was wir jetzt sehen, hat auch viel mit uns und unserem Umgang mit Lebensmitteln zu tun, findet Jörg Brunsmann in seinem Kommentar "Zur Sache". Und er wünscht sich, dass wir unser tägliches Essen wieder mehr zu schätzen wissen:

Kommentar: Welche Landwirtschaft wünschen wir uns?

WDR 4 Zur Sache 26.11.2019 02:41 Min. Verfügbar bis 25.11.2020 WDR 4

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"Kind, iss wenigstens das Fleisch!" – Wie oft haben Sie das in Ihrer Jugend zu hören bekommen? Bei mir – ich bin Jahrgang 1970 – war es einer der Standardsprüche. Und auch nachvollziehbar. Bis in die 1980er Jahre hinein war Fleisch etwas Besonderes. Teuer und eben nicht alltäglich, so wie heute.

Meinen Kindern heute könnte ich mit dem Spruch nur noch ein müdes Lächeln entlocken. Die Große – mit 13 Jahren voll in der Pubertät – will ohnehin kein Fleisch, sondern sich vegetarisch ernähren. Und der Kleine, mit seinen fast 5 Jahren noch manchmal in der Trotzphase – würde wahrscheinlich direkt alles ausspucken und empört rufen "Kannste behalten!" Beide wissen: Sie werden auch so satt, auch morgen wird der Tisch wieder üppig gedeckt sein. Wir leben im Überfluss – und ich kann auch erst mal nichts Schlechtes daran finden. Zeiten, in denen Menschen sich Sorgen um ihr täglich Brot machen mussten, gab es genug. Was man uns vorwerfen kann: Wir wissen diesen Überfluss nicht zu schätzen. Lebensmittel müssen heute immer verfügbar und außerdem noch billig sein – was dann auch zu Lasten der Bauern geht.

Aber haben wir das nicht genauso gewollt? Die Landwirtschaft ist heute ein Teil der Industrie, die verlässlich Produkte zu bezahlbaren Preisen herstellt. Und ist es uns nicht völlig egal, welcher Bauer die Gurken, den Salat oder die Hühner gezüchtet hat? Solange nur immer genug davon im Supermarktregal liegen? Genauso wie es uns egal ist, welcher Arbeiter unser Auto oder unser Handy zusammengebaut hat. Hauptsache, beide funktionieren so, wie der Hersteller es uns versprochen hat.

Die Bauern von heute sind zu Zulieferern der Lebensmittelindustrie geworden. Sie selbst mögen sich noch als eigenständige Unternehmer sehen – in Wirklichkeit sind sie nur noch ein Teil der Produktionskette. Und die Bedingungen, wie produziert wird, die werden von der Industrie und der Politik vorgegeben.

Aber: Wenn die Bauern es sich aussuchen könnten – welche Landwirtschaft würden sie sich denn wünschen? Nach dem, was ich von und über protestierende Landwirte gelesen und gehört habe, ist mein Eindruck: Die Bauern fordern mehr Selbständigkeit, mehr Freiheit. Und dass sie von ihrer Arbeit leben können. Alles verständliche Forderungen – die sich aber jetzt, mit dem System des "immer mehr, immer billiger" kaum umsetzen lassen. Da kann man als Bauer wohl nur versuchen, auszubrechen. So wie es einige ja jetzt schon tun. Da gibt es Landwirte, die eigene Hofläden haben, die ihre Produkte selbst vertreiben oder so etwas wie Erlebnisbauernhöfe aufgebaut haben, auf denen man zum Beispiel selbst Gemüse anbauen und ernten kann. Das wird nicht für alle funktionieren, aber vielleicht ist es ein Weg, damit auch viele von uns wieder sorgsamer mit Lebensmitteln umgehen.

Motto: "Kind, iss wenigstens die Bio-Kartoffeln, die haben wir selbst geerntet bei Bauer Schmitz!"

Stand: 26.11.2019, 13:10