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Kommentar: Was bekommt man für 90 Millionen Euro?

 Autos fahren auf einer Straße zum Braunkohlekraftwerk Niederaußem

Kommentar: Was bekommt man für 90 Millionen Euro?

Von Irene Geuer

Hört sich gut an: Unser Nordrhein-Westfalen bekommt vom Bund 90 Millionen Euro für den Strukturwandel in den Kohlerevieren. Ein Ausgleich also für die Zeit nach dem Kohleabbau, damit es wirtschaftlich bei uns weitergehen kann. 90 Millionen bis zum Jahr 2021 um Projekte voranzubringen, die mithelfen sollen, neue Technologien voran zu bringen. Wie gesagt: Hört sich gut an. Aber Irene Geuer fragt in ihrem Kommentar: 90 Millionen – was kriegt man schon dafür?

Kommentar: Was bekommt man für 90 Millionen Euro?

WDR 4 Zur Sache 05.04.2019 02:01 Min. WDR 4

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90 Millionen Euro – für uns eine unvorstellbar hohe Summe. Aber dann erzählt mir mein Kollege Klaus, dass Bayern München in der vergangenen Woche einen Spieler für 80 Millionen gekauft hat. Wow. Relativiert doch irgendwie die 90 Millionen für eine ganze Kohleregion. Sie meinen, der Vergleich hinkt? Dann mal ein anderes Gedankenspiel. Nehmen wir an, die Kohleregion soll zum Kulturmekka umgebaut werden. Dann aber wahrscheinlich ohne Oper, die Elbphilharmonie hat über 800 Millionen gekostet, was tut man da also mit 90 Millionen? Oder noch ein Beispiel: Das sogenannte Gute-Kita-Gesetz beschert Nordrhein-Westfalen 1,2 Milliarden Euro für bessere Ausstattung und mehr kostenfreie Plätze.

Also 90 Millionen Euro für das rheinische Revier, um nicht nur den Beschäftigten in der Braunkohle, sondern allen Bewohnern Zukunftsperspektiven zu eröffnen. Das ist nicht viel. Das Geld soll in Projekte fließen, die sich mit neuer Energiegewinnung und -speicherung beschäftigen. Also in Technologie von morgen und übermorgen. Das kann nur der Anfang sein. Da muss noch mehr fließen. Das soll es auch, aber es wird sicher viele Jahre dauern, bis damit wirtschaftlich wirklich was angeschoben wird.

Also machen wir uns nichts vor: Bis das soweit ist, müssen sich viele selbst helfen. Das betrifft nicht nur die Braunkohlekumpel, sondern z.B. auch die Mitarbeiter von Ford. 5000 Stellen sollen gestrichen werden. Und dann noch obendrauf die Nachricht, dass sich die Konjunktur unserer Wirtschaft zunehmend abkühlt.

Gestern fuhr am Kölner Fordwerk ein Bundeswehrauto vorbei mit der Aufschrift: "Job Fort? – Mach was wirklich zählt". Und das Fort war so geschrieben, wie die Automarke, nur mit "t". Viele hielten dieses Werben der Bundeswehr für geschmacklos. Kann man drüber streiten. Ich glaube, viele im Revier sollten über solche Alternativen nachdenken. Die Bahn wird sicher auch bald werben, da werden nicht nur Lokführer gesucht. Selbst die Chancen und Möglichkeiten auszuloten, ist kein schlechter Weg. Besser als auf neue blühende Landschaften zu warten, deren Saat noch nicht mal vollständig ausgebracht ist.

Stand: 05.04.2019, 13:10